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Regionale Wirtschaft: Gemeinsame Pressekonferenz der IHK und HWK
Kammern melden Konjunkturaufschwung
Über die gute Stimmung der Wirtschaft, die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und einen erfüllten Ausbildungspakt berichteten die Präsidenten der beiden großen Wirtschaftskammern, Rainer Reichhold von der Handwerkskammer und Dr. Günter Baumann von der Industrie- und Handelskammer, am Vormittag des 20. Juli 2006 gemeinsam vor der Presse. Besorgt zeigten sie sich angesichts der bisher eingeleiteten Reformen der Bundesregierung.

Die Wirtschaft in der Region Stuttgart befände sich in einem Stimmungshoch, der Aufschwung habe fast alle Branchen erfasst, erklärten Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer (HWK) und Dr. Günter Baumann, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) am Vormittag des 20. Juli 2006 auf ihrer gemeinsamen Pressekonferenz in Stuttgart. Die Betriebe profitierten nicht mehr allein vom Export, sondern auch von der gestiegenen Inlandsnachfrage. Aktuellen Konjunkturumfragen zufolge erzielten mehr als 46 Prozent der Handwerksbetriebe im letzten Quartal Umsatzsteigerungen. Von den IHK-Mitgliedsbetrieben konnte mehr als die Hälfte ihre Umsätze steigern. Auch für das kommende Jahr zeigen sich die Unternehmen optimistisch, so die Ergebnisse der Umfragen.
Positive Trends am Arbeitsmarkt
Erfreut zeigten sich die Kammerpräsidenten über die Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Beim Handwerk hat sich die Zahl der Beschäftigten im letzten Quartal um knapp 1,7 Prozent auf 182.000 erhöht. Damit wurde ein Trend gestoppt, denn seit 2000 ging die Zahl der Beschäftigten im Handwerk kontinuierlich zurück. Im Sommer 2006 planen fast ein Fünftel der IHK-Mitgliedsbetriebe für die kommenden zwölf Monate eine Aufstockung ihrer Belegschaft, 31 Prozent sehen sich dagegen weiterhin zu einem Abbau von Arbeitsplätzen gezwungen.
Kritik an Reformen der Bundesregierung
Kritik äußerten die Präsidenten Baumann und Reichhold an der Bundesregierung. Die bisher eingeleiteten Reformen gingen nicht weit genug oder seien sogar kontraproduktiv. So bemängelten sie unter anderem das Gleichbehandlungsgesetz, das neue Risiken und Bürokratie schaffe. Bei den Plänen zur Gesundheitsreform würden mit den Kassenbeiträgen auch die Lohnzusatzkosten steigen. Auch von den Plänen zur Unternehmenssteuerreform zeigt sich die Wirtschaft enttäuscht, da durch die beabsichtigte Hinzurechnung von Zinsen, Mieten und Pachten bei Gewerbe- und Körperschaftssteuer betriebliche Ausgaben einer Ertragsbesteuerung unterworfen würden. Gleichzeitig mahnten die Präsidenten bei der Bundesregierung die Reform der Erbschaftssteuer an und forderten deutliche Entlastungen insbesondere für kleine und mittlere Betriebe durch Bürokratieabbau.
Ausbildungspakt erfüllt
Zur Ausbildungssituation in der Wirtschaftsregion Stuttgart konnten sich beide Kammerpräsidenten positiv äußern: Jedem ausbildungswilligen jungen Menschen könne auch in diesem Jahr ein Qualifizierungsangebot gemacht werden, der Ausbildungspakt sei bereits erfüllt. Zwar lag die Zahl an neuen Ausbildungsverhältnissen im Handwerk Ende Juni noch um 9,3 Prozent unter dem Vorjahreswert, für Handwerkskammerpräsident Rainer Reichhold ist der Juni-Wert jedoch nicht sehr aussagefähig: "Erfahrungsgemäß kann durch die traditionell späten Vertragsabschlüsse im Handwerk das derzeitige Minus in ein paar Wochen schnell zu einem Plus werden". Zielmarke seien wie im Vorjahr wieder 5100 Vertragsabschlüsse. In der Stellenbörse der Handwerkskammer seien noch 600 freie Ausbildungsstellen für das kommende Ausbildungsjahr verfügbar. Im IHK-Bereich lag die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse zur Jahresmitte um 7,9 Prozent höher als im vergangenen Jahr. Bis Ende des Jahres sollen mehr als 10.000 neue Verträge eingetragen sein.
Mangelnde Ausbildungsreife der Bewerber
Die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft werde allerdings durch die teilweise nicht oder zu wenig vorhandene Ausbildungsreife der Bewerber gedämpft. Die Präsidenten Reichhold und Baumann wiesen auf den Mangel an schulischen Basiskenntnissen und persönlichen Leistungsmerkmalen von Schulabgängern hin. Angesichts der guten Auftragslage in den Betrieben seien die Unternehmer gewillt, qualifizierte Fachkräfte auszubilden, könnten sich aber teure Fehlinvestitionen nicht leisten.
Appell gegen Kürzung der Mittel für den Öffentlichen Personennahverkehr
An die baden-württembergische Landesregierung richteten Baumann und Reichhold einen Appell: Sie solle die Mittelkürzungen für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) durch den Bund nicht an die Region Stuttgart weitergeben. Andernfalls müssten die Taktzeiten ausgedünnt oder die Fahrpreise erhöht werden. Bei der Zuteilung der so genannten Regionalisierungsmittel, mit denen der Bund den ÖPNV zu rund 50 Prozent subventioniert, sei die Region Stuttgart schon bisher benachteiligt gewesen. Von den rund 736 Millionen Euro seien nur sieben Prozent in die Region Stuttgart geflossen. "Hier leben aber etwa 25 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg", betonte IHK-Präsident Baumann. Reichhold: "Wir haben im Land einen sehr gut ausgebauten ÖPNV. Wenn man nun Mittel kürzen muss, darf es nicht den wirtschaftsstärksten Raum in Baden-Württemberg treffen." Vielmehr müssten die Zuschüsse für Strecken geprüft werden, die wenig ausgelastet und stark defizitär seien.



