Aktuell - Sonderthema 2008
Wie verhält sich der Ausbilder richtig?
Interview mit Gabriele Sutter vom Sozialen Dienst der IKK
Heruntergefahrene Jalousien, in der Mitte des Raumes ein großer runder Tisch mit zwei leeren Stühlen. In Gabriele Sutters Büro ist es still. Die schalldichte Tür zu ihrem Büro ebnet den Weg auf neutralen Boden. Gabriele Sutter leitet den Sozialen Dienst der Innungskrankenkasse Baden-Württemberg und Hessen (IKK) in Ludwigsburg. Jeden Tag wenden sich Menschen an sie, die Hilfe brauchen.

Wie lässt sich erkennen, dass ein Mitarbeiter alkoholabhängig ist?
Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Ausbilder Probleme mit einem 17-jährigen Lehrling hatte. Er dachte, mit dem Jungen stimmt irgendetwas nicht. Er kam montags immer besonders müde zur Arbeit und wurde unzuverlässig, kam an einem Tag und an einem anderen wieder nicht. So etwas kann man als Ausbilder feststellen. Der Mitarbeiter kann auch nach Alkohol riechen. Vielleicht hat er aber auch Probleme mit anderen Drogen. Es muss nicht immer Alkohol im Spiel sein. Vieles kann ein Ausbilder aus dem Verhalten seiner Mitarbeiter ablesen. Er muss nur aufmerksam sein.
Wann sollte ein Ausbilder oder Chef eingreifen?
Am besten so schnell wie möglich. Aber: Zu einer Therapie muss der Abhängige selbst bereit sein. Viele Süchtige fragen sich: "Bin ich denn wirklich schon abhängig?" Ein Alkoholiker möchte nicht auffallen, er möchte ja seine Sucht behalten. Deshalb tut ein Abhängiger alles dafür, unauffällig zu bleiben. Doch es ist nur ein Frage der Zeit, bis der Körper sich wehrt. Spätestens dann wird die Sucht auch zum Problem des Arbeitgebers.
Was sollte ein Ausbilder tun, wenn sich der Verdacht erhärtet?
Der Betrieb muss unbedingt das Gespräch mit dem Lehrling suchen. Man sollte sich bewusst sein: Ein Arbeitgeber hat mehr Macht als die Familie. Denn seinen Arbeitsplatz möchte niemand verlieren. Die Ehefrau, Freundin oder die Eltern sind dagegen meist hilflos. Der Vorgesetzte oder Chef befindet sich auf einer anderen Ebene. Dem Abhängigen wird durch das Einschreiten des Arbeitgebers bewusst, dass seine Existenz in Gefahr ist. Der Betrieb kann den Abhängigen also zu einer Therapie bringen. Er kann die möglichen Wege aus der Abhängigkeit aufzeigen. Der Angestellte muss dann selbst entscheiden, welchen Weg er geht. Um die Sucht zu heilen, muss aber immer der Abhängige den ersten Schritt machen. Er muss bereit dazu sein und seine Sucht einsehen. Der Arbeitgeber muss das Gespräch jedoch als Erster suchen. Ein Ausbilder sollte einen Lehrling zu sich bestellen, ihn unter vier Augen direkt und offen ansprechen. Zum Beispiel mit den Worten: "Ich sehe, dass es Ihnen nicht gut geht", oder "Ich habe das Gefühl, Sie haben ein Problem". Das Gespräch darf auf keinen Fall einen anklagenden oder vorwurfsvollen Ton haben. Der Betroffene muss die Chance haben, reagieren zu können. Er soll antworten können.
Wie läuft ein erstes Gespräch ab?
In dem Gespräch soll es - wie eben bereits gesagt - keine Vorwürfe geben. Das Gespräch soll offen, ehrlich und tolerant verlaufen. Der Vorgesetze darf jedoch auch etwas einfordern. Nämlich: Dass sich der Betroffene beraten lässt. Das Gespräch soll auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Der Chef sollte dem Mitarbeiter deutlich machen, dass sein Arbeitsplatz nur sicher ist, wenn er zu einer Therapie bereit ist. Gemeinsam kann ein Zeitplan erstellt werden, indem man sich bestimmte Ziele setzt. So kann dieser Plan vorgeben, wann der Betroffene zu Beratern gehen soll. Die Aufgabe des Betriebes ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. In diesem Gespräch muss klar werden, dass der Chef es ernst meint. Er sollte deutlich zeigen: "Ich möchte Sie als Mitarbeiter behalten, ich schütze Sie als Mensch und Mitarbeiter. Dafür möchte ich sehen, dass Sie etwas tun." Der Arbeitnehmer muss nach diesem ersten Gespräch Rückmeldung geben und berichten, ob seine Therapie voran geht. Auf keinen Fall sollte dieses wichtige aber unangenehme Thema auf die Sekretärin abgeschoben werden. Das wirkt auf den Betroffenen abwertend und ist der falsche Weg. Außerdem sollte man sich vor dem Gespräch vom Sozialen Dienst beraten lassen. Dann kann man sich auch schon Adressen und Ansprechpartner bereitlegen, die man an den Mitarbeiter weitergibt.
Warum ist dieses erste Gespräch so schwierig?
Viele Chefs fürchten sich vor einem Gespräch. Sie fürchten sich davor, Themen wie Alkohol oder Drogen anzusprechen. Für kleine Betriebe ist dieses Problem meist noch schwieriger. Denn sie verfügen nicht - wie in vielen großen Betrieben - über geschultes Personal, das bereits Erfahrung mit dem Drogenthema hat. In kleinen Betrieben sind die Beziehungen außerdem meist viel enger. Generell gilt, dass man in seinem Betrieb immer für eine gute Atmosphäre sorgen sollte. Die Mitarbeiter haben so schon von vornherein das Gefühl: Wenn ich ein Problem habe, kann ich mich an meinen Chef wenden und mit ihm darüber reden. Denn auch Betriebe sind manchmal nicht ganz unschuldig, wenn sich jemand in die Alkoholsucht flüchtet.
Was passiert nach dem Gespräch?
Der Entzug findet anhand von Medikamenten statt. Der körperliche Entzug sollte unter Aufsicht stattfinden. Den psychischen Entzug schafft man alleine nicht. Wenn man einmal Alkoholiker ist, dann ist und bleibt man Alkoholiker. Die Rückfallquote ist hoch. Meist sind Betroffene ein Leben lang in Selbsthilfegruppen, in denen sie sich gegenseitig unterstützen. Ein kontrolliertes Trinken gibt es nicht, Alkohol ist tabu.





