Aktuell - Thema des Jahres 2001
Wie verhält sich das Handwerk?
Statement von Jürgen Schäfer
Jürgen Schäfer (Leiter EIC Stuttgart) am 30.01.2001, Statement zum Euro-Kassentest
- Es gilt das gesprochene Wort -
Das Handwerk in der Region und in ganz Baden-Württemberg ist so gut oder so schlecht vorbereitet wie alle anderen Branchen der Wirtschaft. Warum sollte es auch große Unterschiede zur Industrie, Handel, Dienstleistung oder dem Gastgewerbe geben?
Zu Beginn der Euro-Einführung am 01.01.1999 gingen viele Experten, aber auch wir, von einer Art Schneeballeffekt aus. Großunternehmen hatten angedeutet, dass sie sehr schnell auf den Euro übergehen werden und ihre Zulieferer auffordern wollen, ebenfalls frühzeitig auf den Euro umzustellen. Aus unterschiedlichsten Gründen ist es nicht zu diesem Schneeballeffekt gekommen. Viele größere Unternehmen sind selbst noch nicht fit für den Euro, andere haben das Umstellungsszenario deutlich unterschätzt.
Und zu lange wurde auch die Diskussion über die Schwäche oder Stärke des Euros und der anhaltenden Dollarstärke geführt, ohne sich intern auf den Euro vorzubereiten. Erst 15 Prozent aller Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg haben ihr Rechnungswesen bereits auf den Euro umgestellt. Je kleiner die Unternehmen, um so zögerlicher sind die Betriebe mit den Vorbereitungen. Handwerksbetriebe haben in der Regel 10 Beschäftigte. Wie soll es dort möglich sein, ein Euro-Team mit fünf Bereichsleitern zusammen zu stellen? Auf Grund der sehr heterogenen Bereiche im Handwerk sollen folgende Beispiele die Situation in einzelnen Berufen deutlich machen.
Zulieferhandwerk
Das Zulieferhandwerk ist stärker abhängig von den Großen als viele andere Branchen. Deshalb ist dort der Vorbereitungsstand noch am besten. 72 Prozent dieser Firmen sind in der Lage, mit ihren Lieferanten oder Kunden den Euro zu kommunizieren, d. h. Rechnungen, Auftragsbestätigungen oder Angebote wunschweise auch in EURO zu erstellen.
Bauhandwerk
Auch im Bauhandwerk ergibt sich eine sehr differenzierte Betrachtung.
- Heizungsbauer, die überwiegend für den Privatkunden arbeiten, sehen keine Notwendigkeit für eine frühzeitige Umstellung.
- Elektroinstallateure, die überwiegend für Städte und Kommunen arbeiten, geht es ähnlich. Bevor der Auftraggeber, also die öffentliche Hand, noch nicht auf den Euro umgestellt hat, macht eine frühzeitige Umstellung wenig Sinn. Angebote, Auftragsbestätigungen und Rechnungen müssten jeweils auf die Kundenwährung DM wieder rückkonvertiert werden.
- Ausnahmen gibt es bei Unternehmen, die für die gewerbliche Wirtschaft im Hoch- oder Tiefbau tätig sind. Diese Kunden sind in aller Regel bereits in der Euro-Welt und fordern deshalb sämtliche Abrechnungen zwingend in der Rechnungswährung Euro.
Nahrungsmittelhandwerk
Etwa jedes vierte Unternehmen wird zu den Nahrungsmittelhandwerken gezählt, insbesondere die Bäcker, Konditoren und Fleischer.
Bei den Fleischereien ist aus den Ihnen bekannten Gründen das Thema Euro derzeit kein besonderer Hit.
Anders sieht es bei den Bäckern und Konditoren aus. Diese sind in der Regel kleinere Unternehmen, die am Tag 500 oder 600 Einzelkunden haben können. Die Rechnungsbeträge der Einkäufe sind eher gering. Zahlungen werden überwiegend mit Bargeld durchgeführt, der Wechselgeldbedarf ist immens. Bei diesen Unternehmen wird zu etwa 40 Prozent die doppelte Preisauszeichnung auf freiwilliger Basis vorgenommen. Dies ist eine wichtige Dienstleistung und sehr kundenorientiert. Viele Bäcker kennen die besondere Problematik sehr genau. Trotzdem führen die wenigsten Unternehmen im Betrieb bereits die Hauswährung Euro. Und warum sollten sie auch? Fast alle Kunden zahlen ihre Einkäufe bar und verfügen derzeit eben nur über Bargeld DM. Die frühzeitige Einführung des Euro wäre für diese Unternehmen mit erheblichem Zusatzaufwand
verbunden, ständig gäbe es irgendwelche interne Schnittstellen zwischen DM und Euro.
Trotzdem sind diese Firmen nicht unvorbereitet. Sie kennen heute sehr exakt ihren durchschnittlichen Wechselgeldbedarf in den Kassen. Sie bereiten sich jetzt in den nächsten Monaten auf den Euro vor. Dazu gehört es, Preisschilder und Preisauszeichnungsgeräte eurofit zu machen. Dies ist bei einer Butterbrezel gar nicht so einfach, die heute bereits zwei Preisschilder haben könnte.
Besonders wichtig sind eurofähige Kassen oder elektronische Waagen. Dabei wird natürlich angestrebt, dass Kassen auch so genannte gemischte Zahlungen, also Teilbeträge in DM und Teilbeträge in Euro, in einem Rechenvorgang beherrschen.
Der größte Aufwand für das Bäckerhandwerk wird aber im Umgang mit dem neuen Bargeld Euro liegen. Das gesamte Verkaufspersonal ist auf die neuen Münzen und Noten vorzubereiten. Dabei wird nicht so sehr die Gefahr der gefälschten Euro-Noten gesehen, sondern vielmehr Fehler bei der Umrechnung oder beim Wechselgeld.
Diese Unternehmen können wir derzeit nur mit so genannten Dummies, also mit Noten und Münzen auf den berühmten dunkelblauen Postern, auf den Euro vorbereiten. Es wäre hilfreich gewesen, Unternehmen mit hohem Bargeldverkehr frühzeitiger Noten und Münzen in Euro für einen Test- und Schulungsbetrieb zur Verfügung zu stellen. Dass es an der Motivation dieser Unternehmen aber nicht mangelt, zeigen unter anderem die vor Ihnen liegenden Euro-Brezeln.
Die größte Sorge, die Handwerksorganisationen derzeit umtreibt, ist der Fahrplan der Unternehmen. Bei einer Befragung von tausend Handwerksbetrieben in Baden-Württemberg wurde deutlich, dass über 75 Prozent der Unternehmen den gesetzlich letzt möglichen Umstellungszeitpunkt auf den Euro, also den 31.12.2001, als ihren Umstellungszeitpunkt gewählt haben. Die wesentlichen vorbereitenden Schritte konzentrieren sich auf das vierte Quartal dieses Jahres. Hier jedoch werden Beratungsdienstleistungen der Steuerberater oder der Handwerkskammerberater knapp. Ebenso sieht es mit den Kapazitäten der Softwarehäuser und der EDV-Dienstleister aus.
Die Folge: Die Kapazitäten werden knapp, die Wartezeiten länger und die Preise steigen. Zu Engpässen könnte es auch bei der Versorgung mit Euro-Bargeld und bei der Entsorgung der Deutschen Mark kommen. Doch hier versuchen wir gemeinsam mit den Sparkassen und den Hausbanken frühzeitig zu motivieren.
Die Handwerksorganisation ist gut auf einen möglichen Ansturm der Handwerksbetriebe vorbereitet. Schon frühzeitig wurden Broschüren und Checklisten oder auch wiederkehrende Fragen ins Internet eingestellt. Bei Betriebsbesuchen und Einzelberatungen wird das Thema Euro gezielt angesprochen. Ein Euro-QuickCheck war bereits vor zwei Jahren der Renner, eine Euro-Projektmanagement-Software, der EuroTimer plant die einzelnen Aktivitäten und das Gesamtprojekt Euro und überwacht die Termine.
Zu diesem bunten Strauß der Euro-Dienstleistungen gehört auch der Euro-Kassentest, den wir sehr gerne bei uns in den Betrieben durchführen werden.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe für anschließende Fragen gerne zur Verfügung.




