Aktuell - Meisterfeier 2006 - Rückblick
Rainer Reichhold: "Jetzt muss ein Ruck des politischen Mutes folgen"
Kammerpräsident fordert Stärkung des mittelständischen Unternehmertums
In seinem Grußwort zur Meisterfeier zieht Kammerpräsident Rainer Reichhold Parallelen zwischen dem beruflichen Engagement des Handwerks-Nachwuchses und der Erfolgsgeschichte der deutschen Nationalmannschaft während der zurückliegenden Fußball-WM. Er mahnt aber auch die Berliner Koalition zu einem entschlosseneren Handeln. - Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass Sie heute trotz der hohen Temperaturen so zahlreich erschienen sind. Im Namen der Handwerkskammer Region Stuttgart, begrüße ich Sie alle ganz herzlich zur neunten großen Meisterfeier hier auf dem Killesberg.
Aus der großen Anzahl der Gäste möchte ich nur einige wenige namentlich begrüßen:
Vom konsularischen Corps die Wirtschaftskonsulin der Republik Ungarn, Frau Dr. Susanne Zöldag, und den italienischen Generalkonsul, Dr. Faiti Salvadori.
Vom Deutschen Bundestag Frau Ute Kumpf und Herrn Florian Toncar. Vom Baden-Württembergischen Landtag Frau Heiderose Berroth und Frau Andrea Krueger. Des weiteren die Abgeordneten Dieter Bachmann, Michael Föll, Peter Hofelich und Claus Schmiedel.
Sehr herzlich begrüße ich auch meine Präsidentenkollegen, den Präsidenten des Baden-Württembergischen Handwerkstages und Kammerpräsident von Reutlingen, Joachim Möhrle und den Kammerpräsidenten von Heilbronn, Thilo Bräuninger, sowie meinen Vorgänger Ehrenpräsident Uwe Schüle.
Des weiteren gilt mein Gruß den Handwerkskollegen, Freunden, Begleitern und Unterstützern aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft sowie den zahlreich hier vertretenen Organisationen des lokalen, regionalen und überregionalen Handwerks.
Vor allem aber begrüße ich Sie ganz herzlich, liebe Jungmeisterinnen, liebe Jungmeister.
Sie, sind es, deren Meisterfeier wir heute fröhlich begehen wollen, ähnlich wie die Fußballweltmeisterschaft vor einigen Wochen. Eine Meisterprüfung und die Vorbereitung hierzu ist wie Spitzenfußball: eine Kombination von Technik, mentaler Einstellung, Strategie, Koordination und vor allem viel Kopfarbeit. Sie, liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister, haben sich als unsere Vordenker 2006, als die Spitzenmannschaft des Handwerks, qualifiziert. 710 Meisterbriefe können wir heute ausgeben. 50 mehr als im Vorjahr. Das gibt dem Handwerk Auftrieb; das ist Anlass, Ihnen 710 mal einen herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Meisterschaft auszusprechen.
Hinter einer Spitzenmannschaft stehen auch immer ein Trainerstab und viele Betreuer: Dies sind Ihre Betriebe, die Lehrer an den Meisterschulen, die Mitglieder der Meisterprüfungsausschüsse, vor allem natürlich auch Ihre Familien, Verwandte und Bekannte. Ihnen allen, die sich für die neuen Meisterinnen und Meister eingesetzt haben, danken wir herzlich für das Engagement. Dank auch an die Firmen, die durch Ihr Sponsoring dieses großartige Fest möglich machen.
Die diesjährige Meisterfeier steht unter dem Motto Vordenker. Vordenker zu sein, und diese Fähigkeit auch einzusetzen, dies ist für die Meisterinnen und Meister, die zukünftig Erfolg haben wollen, von zentraler Bedeutung. Der Duden definiert Vordenker so: "Jemand, der kommende Entwicklungen erkennt, auf sie hinweist". Das trifft auf Sie alle zu. Sie haben die Notwendigkeit der Qualifizierung weit im Voraus erkannt und gehandelt. Nicht allein um des Titels willen, sondern vor allem wegen des zusätzlichen Rüstzeugs, mit dem Sie jetzt Ihre berufliche Zukunft in Angriff nehmen können. Für Führungspositionen oder für den Schritt in die Selbstständigkeit stehen die Türen jetzt weit offen. Sie haben sich meisterhafte Kenntnisse erworben, sowohl beim fachlichen Können als auch im Bereich Betriebsführung und Ausbildung.
Sie, liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister, haben das Zeug zum Vordenker: In unternehmerischer Hinsicht, bezüglich individueller Lösungen, die den Kundenwunsch maßgeschneidert erfüllen, beim Einsatz Ihrer Unternehmensressourcen, für eine effiziente Auftragserledigung und in gestalterischer Hinsicht. Ein Handwerksmeister, der ein komplexes Werk angeht, hat die Lösung bereits vorgedacht. Er sieht diese Lösung, so wie ein Steinbildhauer die Skulptur schon im rohen Stein sieht, bevor er den Stein zu bearbeiten beginnt. Ein exzellenter Handwerksmeister denkt vor, was sein Kunde will, sogar dann, wenn der Kunde selbst noch gar nicht so genau weiß, was er möchte.
Vordenker sind in der Lage, optimal im Team zu agieren und zu analysieren was auf sie zukommt. Denken Sie nur an den kleinen Zettel, den unser Nationaltorhüter Jens Lehmann beim Elfmeterschießen gegen Argentinien im Strumpf hatte, um zu wissen, was ihn erwartet. Meisterlich hat er so zwei Elfmeter gehalten.
Mit Zetteln allein lässt sich die Zukunft allerdings nicht gewinnen, da braucht es auch die perfekte Beherrschung der Informations- und Telekommunikationstechniken. Die Welt wird durch das World Wide Web immer kleiner, die Märkte immer umkämpfter, die Taktzahl immer schneller. Dies erfordert zwar eine immer höhere Flexibilität, birgt aber auch immense Chancen für diejenigen, die mithalten, für diejenigen, die Vordenker sind. Viele erfolgreiche Handwerksbetriebe in unserer Region können das bestätigen.
Wir sind überzeugt, dass Sie, liebe Jungmeisterinnen und Jungmeister, fit genug sind, die anstehenden, sehr anspruchsvollen Herausforderungen zu bewältigen. Ist doch der handwerkliche Meistertitel einer der wichtigsten Nachweise von handwerklicher Spitzenqualifikation. Er ist ein weltweit anerkanntes Qualifikationszertifikat für den Unternehmer. Er ist ein Gütesiegel für den Verbraucher. Meisterbetriebe sind deshalb wirtschaftlich sehr viel stabiler als andere Betriebe, haben eine höhere Erfolgs- und Überlebensquote - denn Meister wissen wie’s geht.
Klar ist, dass ein in diesem Sinne leistungsfähiges, kundenorientiert und innovativ vordenkendes Handwerk faire Wettbewerbsbedingungen braucht. Dafür muss mittelständisches Unternehmertum gestärkt werden. Weitere Belastungen durch Bürokratie und Abgaben sind nicht mehr hinzunehmen. Angela Merkels Devise "Mehr (unternehmerische) Freiheit wagen" muss tatkräftig umgesetzt werden. Ein Schmusekurs in der Großen Koalition darf nicht zur Lethargie führen.
Dem Ruck, der mit der Fußballweltmeisterschaft stimmungsmäßig durch Deutschland gegangen ist, muss jetzt ein Ruck des politischen Mutes mit durchdachten Reformen folgen.
Das, was politisch in Deutschland geschieht, ist viel zu ernst, als dass wir das Räsonieren darüber ausschließlich Politikern überlassen könnten. Deshalb übernimmt diesen Part heute kein Politiker, sondern der Kabarettist und Wortkünstler Christoph Sonntag. Wir dürfen gespannt sein.
Abschließend aber noch ein Zitat von unserer Bundeskanzlerin: "Wer nicht ackert, verdummt!" Da hat sie Recht und das heißt: Wer vordenkt, der bildet sich vor allem auch weiter. Der berufsbegleitende Studiengang zum Betriebswirt des Handwerks bietet sich geradezu an, denn der Markt verlangt gerade von den Führungskräften im Handwerk ein immer umfassenderes Managementwissen. Beim Studium zum Betriebswirt des Handwerks können Sie Ihr Fundament für erfolgreiches Wirtschaften deutlich verstärken.
Jetzt vorzudenken, was in den nächsten Stunden passieren wird, ist einfach: Es wird gefeiert - und das haben Sie sich redlich verdient! Mit einem Sommerfest entlassen wir Sie, die Vordenker, nun in die spannende Welt handwerklichen Unternehmertums mit schwierigen, aber auch reizvollen wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Ein Hoch unseren Meistern 2006!




