Aktuell - Sonderthema 1/2003
Matthias Stuhlinger, Rating-Analyst
Es geht um das bewusste Steuern des Betriebs
Neue Kreditregeln, komplexe Bewertungskonzepte – ein Feld für Experten. Matthias Stuhlinger ist Rating-Analyst. Der Diplom-Volkswirt begleitet die Einführung von Rating-Verfahren bei den Volks- und Raiffeisenbanken in Württemberg.

Welche Konsequenzen hat Rating?
Stuhlinger: Die Kreditvergabe wird auf eine grundlegend veränderte Basis gestellt. Unternehmensdaten werden systematischer aufbereitet und bewertet. Diese Bewertung wird stärker als in der Vergangenheit in die Kreditkonditionen mit einfließen.
Das heißt auch: Weg von Expertensystemen, hin zu nachprüfbaren mathematisch-statistischen Systemen. Dafür gibt es zwei Gründe. Wenn die Welt komplizierter wird, muss man auch die Instrumente verfeinern und weiter entwickeln. Zum anderen stellt Basel II Anforderungen an die Bewertungsverfahren.
Basel II gehe an den Bedürfnissen des Mittelstandes vorbei, so die von Verbänden vorgetragene Kritik.
Stuhlinger: Bei Basel II geht es zunächst darum, volkswirtschaftliches Kapital besser zu investieren und damit die Zahl der Vermögensschäden bei Kreditnehmern zu reduzieren. Eine Fehlinvestitionsquote im Umfang der letzten fünf Jahre kann sich unsere Wirtschaft nicht mehr leisten. So ist seit 1995 die Zahl der Insolvenzen in Deutschland stark steigend; mit allen Konsequenzen auch für die betroffenen Menschen. Deshalb ist Basel II auch ein Zukunftsprogramm für Banken und ihre Firmenkunden.
Durch massiven Druck der Banken, aber auch der Wirtschaftsverbände und Kammern, wurden darüber hinaus inzwischen mittelstandsgerechte Regelungen erreicht. Zum Beispiel werden Sicherheiten, wie sie der deutsche Mittelstand zur Verfügung stellt, wie Lebensversicherungen, Bausparverträge, teilweise auch Sachsicherungen, nun aufsichtsrechtlich als Sicherungsgegenstände für die Eigenkapitalunterlegung anerkannt. Außerdem können bestimmte Mittelstandskredite mit einer ähnlich niedrigen Quote wie Privatkundenkredite unterlegt werden. Somit dürfte eine negative Auswirkung auf die Mehrzahl der mittelständischen Unternehmen vermieden worden sein.
Ansprechpartner des Handwerks werden ausschließlich die Banken sein?
Stuhlinger: Ich gehe davon aus, dass kein Handwerksbetrieb ein externes Rating benötigt.
Was erwarten Kreditinstitute von Handwerksunternehmen?
Stuhlinger: Das Kreditinstitut erwartet, dass der Handwerker seinen Betrieb kennt, seinen Betrieb aktiv steuert und sich nicht im Markt treiben lässt. Es wird darauf geachtet, ob für entsprechende Strukturen gesorgt wurde, angefangen von der Strategie über die Aufbau- und Ablauforganisation seines Betriebes bis hin zu den Führungsinstrumenten wie Kostenrechnung und Controlling. Natürlich werden den wirtschaftlichen Verhältnissen und insbesondere der Eigenkapitalausstattung weiterhin eine große Bedeutung zukommen.
Rating läuft also nicht nur zwischen Bank und Betrieb ab, sondern wirkt hinein in die Organisation des Unternehmens.
Stuhlinger: Der Bank geht es nicht darum, einen Plan mathematisch und statistisch zu bewerten, sondern darum zu beantworten, hat der Unternehmer eine Planung? Ja oder Nein? Die geforderten Planungsunterlagen entsprechen einem fortgeschrittenen Businessplan, der es erlaubt, einen Soll-Ist-Vergleich durchzuführen.
Das Kreditinstitut wird natürlich nachfragen, warum Pläne möglicherweise nicht eingehalten worden sind. Aber Erwartungen erfüllen sich nicht immer, Pläne lassen sich nicht immer zu 100 Prozent einhalten. Das wissen auch Banker. Allerdings sollte man erkennen können, dass sich der Unternehmer Gedanken über die Ursachen macht. Es geht um das bewusste Steuern des Betriebes.
Viele Kriterien gehen in die Bewertung ein. Manche haben nur wenig mit der Realität eines Handwerksbetriebes zu tun.
Stuhlinger: Die Frage, ob ein Betrieb über eine Controllingabteilung verfügt, stellt sich in Kleinbetrieben anders. Diese Funktion wird dann eben vom Geschäftsführer wahrgenommen, und das Unternehmen wird sicherlich nicht negativ bewertet. Nur wenn man zur Auffassung kommt, dass der Betrieb inzwischen gewachsen ist und die entsprechenden Aufgaben nicht oder nur unzureichend wahrgenommen werden, ist eine negative Bewertung erforderlich.
Zwar ist Rating ein standardisiertes Verfahren, aber man wird die Betriebsgröße nicht außer Acht lassen. Zum Beispiel lässt sich relativ schnell feststellen, ob der Unternehmer den Markt kennt, auf dem er sich bewegt oder ob er beispielsweise über die notwendigen Voraussetzungen verfügt - sowohl in betriebswirtschaftlicher als auch in technischer Hinsicht -, auf diesem Markt bestehen zu können.
Besteht nicht die Gefahr, dass individuelle Bedingungen durch das Rating-Raster fallen?
Stuhlinger: Überall wo mathematisch-statistische Verfahren eingesetzt werden, kommt es zuerst zu einer Segmentierung der Kunden. Wo habe ich eine gleichartige Gruppe von Kunden? Für diese Gruppe wird dann ein einheitliches Rating-Verfahren gebaut. Nun sind die Kunden in dieser Gruppe nicht zu 100 Prozent identisch. Deshalb ist ein Instrumentarium erforderlich, um das maschinelle Rating noch einmal anpassen zu können. Diese Möglichkeit haben wir selbstverständlich vorgesehen. Trotz aller Systematisierung: Auch im mathematisch-statistischen Zeitalter muss die Individualität gewahrt bleibt.
Es gibt also einen gewissen Spielraum innerhalb der einzelnen Kundensegmente?
Stuhlinger: Ja, jedoch werden Banken aus eigenem Interesse strenge Maßstäbe anlegen. Die Anwendung wird sowohl intern als auch durch die Bankaufsicht überwacht.
Banken werben dafür, Rating als Beratungsangebot für Betriebe zu verstehen.
Stuhlinger: Banken sind keine Unternehmensberater. Banken können durch Rating aber Stärken und Schwächen grundsätzlich erkennen.
Dann eher eine Analyse des Unternehmens?
Stuhlinger: Eine Kurzanalyse. Schließlich ist der Faktor Zeit nicht unbedeutend. Die Bank kann maximal erste Anhaltspunkte liefern, wo Stärken, wo Schwächen liegen. Ich gehe einfach davon aus, dass auch ein beiderseitiges Interesse besteht, Schwächen auf lange Sicht hin zu beseitigen. Deshalb wird der Banker offen mit dem Kreditnehmer über die identifizierten Schwächen sprechen und ihm auch Ansatzpunkte liefern, wie er diesen Schwächen begegnen kann.
Gute Vorbereitung ist Pflicht. Was können Sie Handwerksbetrieben empfehlen?
Stuhlinger: Wir haben neben unserer ausführlichen Informationsbroschüre zum Rating Rating als Chance auch eine CD-ROM für Handwerksbetriebe entwickelt, die vorgefertigte Instrumente zur Unternehmensführung in Form von Excel-Tools enthält. Die CD-ROM bietet ferner eine Stärken-Schwächen-Analyse und erste Tipps, welche Maßnahmen zur Verbesserung der Unternehmenssituation ergriffen werden können. Der ebenfalls integrierte Werkzeugkasten geht in die gleiche Richtung, ist aber mehr auf das Rating abgestellt.
Ein Fazit könnte lauten: Rating als Prüfung, aber eine, die ein Unternehmen voran bringen kann?
Stuhlinger: Wenn ich Rating als Chance begreife und nicht als bürokratische Schikane. Es wird in Zukunft wohl keinen Kredit mehr geben, der ohne ein Bonitätsprüfungsverfahren gleich welcher Art vergeben werden kann.




