Aktuell - Sonderthema 2006
"Mensch, was Ihr alles macht!"
Ein Stuttgarter Gebäudereiniger räumt auf
Erik O. Bauer leitet gemeinsam mit seiner Schwester Sonja die 1967 von seinem Vater gegründete Erich Bauer GmbH. In der Landeshauptstadt und ihrem engeren Umland ist das Stuttgarter Gebäudereinigungsunternehmen ein längst etablierter Spezialist in der Glas-, Fassaden-, Bau- und Industriereinigung. Über spezielle Angebote für den Privatkundensektor hat sich der Betrieb inzwischen aber auch noch ein ganz anderes Feld erschlossen: Seniorendienste.

Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2004 muss das gewesen sein: Bis dahin hatte die Bauer Gebäudereinigung fast nur Geschäftskunden bedient, Büro- und Ladenräume gesäubert, Schaufenster und Glasfassaden zum Glänzen gebracht oder Graffiti entfernt. Irgendwann aber kamen damals so ganz andere Anfragen an Erik O. Bauers Unternehmen, Anfragen von Privatkunden: 'Können Sie mir die Fenster putzen? Meine Kehrwoche übernehmen? Die Hecken schneiden? Für mich den Winterdienst machen?' Lauter lästige kleine Tätigkeiten, wie sie für Privathaushalte typisch sind. Tätigkeiten aber auch, die von einem gewissen Alter an zunehmend Probleme bereiten. Tätigkeiten, die eines Tages die körperliche Leistungsfähigkeit alt gewordener Menschen übersteigen.
"Und dann sind wir auf die Idee gekommen", erzählt Geschäftsführer Erik O. Bauer, " dass wir ja diese reiferen Kunden haben, die 60 Jahre alt sind oder älter, und die eine gewisse Unterstützung brauchen, aber nicht unbedingt ins Altersheim möchten, weil sie vielleicht in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus schon Jahrzehnte wohnen und selbstständig bleiben, unabhängig bleiben möchten. Und denen bieten wir dann unsere Dienste an." In der Seniorenresidenz koste ein Platz schnell mal seine zwei- oder dreitausend Euro im Monat, sich den Haushalt vom Gebäudereiniger erledigen zu lassen, sei da wesentlich günstiger, rechnet Bauer vor. Kunden, die körperlich noch weitgehend fit sind, könnten so dem Altersheim entgehen, Geld sparen und weiterhin auf eigenen Beinen stehen.
Fenster putzen und zuhören können
"Darüber hat das alles angefangen", erinnert sich der Chef einer gut 400 Mitarbeiter zählenden Belegschaft. Die Bauer Gebäudereinigung ist branchenüblich aufgestellt: Eine Stammbelegschaft von rund 70 Mitarbeitern erfährt von knapp 330 nicht sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten die Unterstützung, die die Auftragslage gerade erfordert. Im Bereich der Leistungen, die Erik O. Bauer als "Seniorendienste" bezeichnet, kommen allerdings nur die fest angestellten Mitarbeiter zum Einsatz: "Wir haben uns da im Laufe der Zeit gewisse Leute auserkoren, von denen wir ganz genau wissen, dass die gut mit Menschen umgehen können." Sozial eingestellt müssten die sein und auch zuhören können, sagt Bauer. "Da gehört auch dazu, dass die umsichtig sind, dass einer nicht nur sein Pflichtprogramm runterspult, sondern dass er auch mit Freude an die Sache rangeht."
Die Sache: Das sind zunächst mal schlichte Haushaltstätigkeiten wie Waschen, Bügeln, Spülen, Fensterputzen. "Und dann sind wir weiter gegangen, und haben uns gesagt: da muss es doch auch noch andere Probleme geben, die wir lösen können." Botengänge etwa oder den Einkauf im Supermarkt. Alles, was Kraft kostet, die im Alter nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht. Bis hin zum Begleitservice, der beim Gang ins Kino oder ins Theater Unterstützung geben kann. Da hat Erik O. Bauer aber schon den eher visionären Bereich erreicht, denn viele seiner Vorhaben befinden sich noch im Planungsstadium.
An Ideen allerdings fehlt es nicht. So kümmert sich sein Betrieb auf Wunsch auch um das leibliche Wohl seiner Kunden, wofür er allerdings auf eine Kooperation mit einem eingeführten Spezialisten für Essen auf Rädern zurückgreift. Spätestens wenn es um Pflegeleistungen für Bedürftige geht, schaltet Bauer aber einen Gang runter: "Wir möchten nicht alles vermischen. Die Dinge, die wir machen, wollen wir richtig betreiben."
Seniorendienste - nicht nur für Senioren
Dass Seniorendienste allerdings nicht nur für echte Senioren interessant sind, ist Erik O. Bauer sehr bewusst: "Wir werden jetzt auch für die Generation 50plus aktiv. Da gibt es Leute, die sich sagen, ich habe viel getan und viel erreicht, jetzt will auch noch was haben vom Leben. Jetzt möchte ich meine Wohnung nicht mehr selbst reinigen und abends noch die Fenster putzen. Ich möchte einen Haushaltsservice." Kunden, die so argumentieren, macht der Unternehmer mitunter sogar schon unter den Vierzigjährigen aus.
Von Vorteil waren für die Bauer Gebäudereinigung die harten Winter 2004/2005 und 2005/2006. Winterdienst machen zu müssen und dafür zu sorgen, dass morgens um sieben Uhr niemand mehr über das Glatteis vor dem eigenen Häuschen schlittert, kann zum schier unlösbaren Problem werden. Von November bis März aber steht Bauers Winter-Flotte bereit. So kamen in der Saison 2005/2006 immerhin 15 bis 20 Prozent des Umsatzes aus dem Winterdienst hereingeschneit.
"Mensch, was Ihr alles macht!", soll schon so mancher Privatkunde gestaunt haben, der sich eines Tages mit einem Werbeprospekt des Stuttgarter Gebäudereinigers konfrontiert sah. Vom ersten Staunen bis zur lange anhaltenden Geschäftsbeziehung sei es im Privatkundenbereich jedoch ein weiter Weg, räumt Bauer ein. Habe sich ein Dienstleister aber einmal das Vertrauen gerade auch der ältereren Klientel erworben, gebe es dafür auch eine ganz besondere Form der Anerkennung: "Im gewerblichen Bereich ruft selten mal einer an und sagt: 'Ihre Leute haben klasse gearbeitet!' Bei den privaten Kunden erlebt man das viel, viel häufiger."




