Handwerkskammer Region Stuttgart

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Aktuell - Sonderthema 2009

"Den Mittelstand trifft es hart"

In der Wirtschaftskrise brauchen Unternehmen vor allem Liquidität

Guy Selbherr ist Vorstandsmitglied der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg (MBG). Beide Einrichtungen sind gerade Handwerksbetrieben wichtige Partner, und das auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten: Die Bürgschaftsbank sichert Kredite der Hausbanken ab, die MBG kann durch stille Beteiligungen die Eigenkapitalbasis mittelständischer Unternehmen verbreitern.

Porträt: Guy Selbherr
Bild: HwK

"Es gibt schon Grenzen", schmunzelt Guy Selbherr, "aber wenn das Unternehmen seinen Sitz in Baden-Württemberg gehabt und sich gut verkauft hätte, wären die Chancen gut gewesen." Damit antwortet der Direktor der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg auf die Frage, ob sein Haus eventuell auch für so was wie Google gebürgt hätte, damals, als die schlaueste Suchmaschine der Welt noch am Anfang stand und vermutlich das Geld fehlte, um eine leistungsfähige Infrastruktur aufzubauen. "Wir haben keine Berührungsängste", setzt Guy Selbherr nach.

Um Google musste sich die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg freilich nie kümmern, denn ihre Klientel findet die Selbsthilfeeinrichtung unter den mittelständischen Unternehmen, und da nicht selten im Handwerk: Bei 30 Prozent liegt der Anteil von Bürgschaften, die Kredite von Handwerksunternehmen sichern. Im Jahr 2008 bedeutete das ein gesamtes Kreditvolumen von rund 450 Millionen Euro. Allein im vergangenen Jahr waren für Handwerksbetriebe über 96 Millionen Euro neu hinzugekommen.

Das Blatt hat sich gewendet

2008 - das ist das Jahr, in dem alles anders wurde, und 2009 ist das Jahr, in dem nichts mehr so ist, wie vorher. Vorher heißt: vor Beginn der Wirtschaftskrise. Mit geplatzten Immobiliendarlehen hatte die im Herbst 2008 in den USA begonnen, erfasste dann weltweit die Finanzmärkte und schlug um die Jahreswende auf die Automobilindustrie durch. Seitdem herrscht Alarmbereitschaft in den Vorstandsetagen der Banken. Denn hat die Automobilindustrie einmal Schlagseite, sind Folgen für zuliefernde Bereiche der Wirtschaft nur eine Frage der Zeit.

"Den Mittelstand trifft es hart", sagt Selbherr. "Das merkt man alleine schon daran, dass die Nachfrage nach Liquiditätsfinanzierungen deutlich zugenommen hat, weil das ja das ist, was die Unternehmen derzeit brauchen: Liquidität. Das Blatt hat sich einfach gewendet." Nicht für Investitionen benötigen Unternehmer jetzt Kredite, sondern zur Finanzierung des laufenden Betriebs.

So manches hat sich geändert von 2008 auf 2009, so manches aber auch nicht. Geld gibt es nach wie vor in Form von Krediten bei der Hausbank. Die aber verlangt Sicherheiten, und wer die nicht bieten kann, blitzt dort ab. Egal, ob er investieren oder bestehende Arbeitsplätze erhalten will. Die Bürgschaftsbanken sind mittelständische Selbsthilfeeinrichtungen, die in solchen Konstellationen oft helfen können. Sie springen als Bürge ein, der im Falle eines Ausfalls gegenüber der Hausbank anteilig die Kreditschulden übernimmt. Daher auch der Name "Bürgschaftsbank". Die aus Stuttgart ist in der Bundesrepublik mit eine der ältesten unter ihnen und die größte zudem. Seit 1971 firmiert die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg unter ihrem heutigen Namen, Vorgänger-Einrichtungen reichen bis in das Jahr 1934 zurück. Heute wandern 30 Prozent der Bürgschaften, die von den 20 deutschen Förderinstituten dieses Typs getragen werden, über die Schreibtische der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg.

Über die Verhältnisse gelebt

Als "Unternehmensfinanzierer" verstehe er seine Einrichtung, umschreibt Guy Selbherr den Geschäftszweck der Bank, zu deren tragenden Mitgliedern auch die Handwerkskammer Region Stuttgart gehört. Wer finanzieren will, muss aber auch selbst Rückhalt genießen. Den beziehen Bürgschaftsbanken aus staatlichen Rückbürgschaften von Bund und Land, also aus Steuergeldern. Schon deshalb kann Selbherrs Institut nicht jedem Antrag auf eine Bürgschaft entsprechen. "Es geht um Nachhaltigkeit", sagt er, "im Prinzip können wir 25 Prozent der Anträge nicht positiv entscheiden." Warum das so ist? "Vielfach haben die Unternehmen in guten Zeiten über ihre Verhältnisse gelebt, und jetzt fehlt natürlich in einer Krise das notwendige Kapital."

Bild: Bürgschaftsbank Baden-Württemberg
Bild: HwK

Wer einer Ablehnung vorbeugen möchte, braucht vor allem eines: ein tragfähiges Konzept für sein Vorhaben. Selbherr: "Zunächst einmal gelten Offenheit und Transparenz. Je nachvollziehbarer das Geschäftskonzept, desto leichter ist es auch, potenzielle Geldgeber zu überzeugen." Dazu gehört auch, den Teufel ein klein wenig an die Wand zu malen. "Worst-Case-Szenario" nennt Guy Selbherr das, was die Hausbanken jetzt erwarten, wenn ein Unternehmer einen großen Kredit haben möchte: "Die Banken möchten eine Planung sehen, der sie entnehmen können, dass ein Unternehmen selbst dann noch eine Überlebenschance hat, wenn alles schlecht läuft. Nur sollte man da nicht ein Szenario allein verfolgen, sondern durchaus unterschiedliche Entwicklungen des Umsatzeinbruchs simulieren.“ Wie eine tragfähige Planung aussehen kann, erfahren Interessenten beispielsweise bei einem Beratungstermin in der Handwerkskammer.

Wenn zusätzlich zu einer soliden Planung die Rückversicherung durch die Bürgschaftsbank vorliegt, stehen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Chancen auf einen Kredit sehr gut. "Eine maximale Absicherung von 80 Prozent durch unsere Bürgschaft ist in der Regel stimulierend genug", kann Vorstandschef Selbherr selbstbewusst zusammenfassen. Diese 80 Prozent sind der Teil einer Kreditsumme, die die Bürgschaftsbank übernehmen würde, wenn ein Kredit platzt. Der Hausbank gibt das die Gewissheit, dass sie im schlimmsten denkbaren Fall nur 20 Prozent einer verliehenen Summe verlieren würde. Eine einfache Sache eigentlich. Doch nicht in jedem Fall und nicht für jedes Unternehmen ist eine Ausfallbürgschaft der richtige Weg zu höherer Liquidität.

"Still" heißt wirklich still

Guy Selbherr ist nicht nur Vorstandschef der Bürgschaftsbank, er ist auch Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg, kurz: MBG. Das Konzept für das die MBG steht, geht auf die siebziger Jahre zurück, hat aber enorm an Bedeutung gewonnen, seitdem das Ratingverfahren nach Basel II die Kreditvergaberichtlinien der Banken deutlich restriktiver fasst. Beteiligungsgesellschaften heißen so, weil sie sich an Unternehmen beteiligen können. Still beteiligen können, wie Selbherr betont: "Stille Beteiligungen verbreitern die Kapitalbasis. Vor allem ist das ein Instrument, das im Gegensatz zu einer Bürgschaft auch ohne Hausbank genutzt werden kann." Und weil er die Vorbehalte vieler Unternehmer kennt, beruhigt der MBG-Geschäftsführer: "Wir nehmen das Wörtchen 'still' ernst. Die Beteiligung tritt nach außen nicht in Erscheinung, sie wird nicht im Handelsregister eingetragen, wir wirken nicht an den Gesellschafterversammlungen mit und haben keine unmittelbaren Mitspracherechte." Nur für "außergewöhnliche Themen" sieht der Beteiligungsvertrag vor, dass Entscheidungen in Einvernehmen mit der MBG gefällt werden müssen. Bei Standortverlagerungen etwa, oder wenn eine Firma ihren Geschäftszweck komplett umkrempelt.

Ob am Ende eine stille Beteiligung der bessere Weg ist, einem Unternehmen zusätzliches Kapital zu verschaffen oder die zusätzliche Sicherheit durch einen verlässlichen Bürgen, lässt sich pauschal nicht sagen. Guy Selbherr baut in dieser Frage darauf, dass sich Unternehmer darüber schon Gedanken gemacht haben, ehe sie zu ihm und seinen Mitarbeitern kommen. Am besten in einer fundierten Beratung. Die gibt es kostenlos: in der Handwerkskammer.

 

Interview mit Guy Selbherr

Bürgschaftsbank Baden-Württemberg

Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg (MBG)

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