Handwerkskammer Region Stuttgart

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Aktuell - Sonderthema 2009

Achtzig Prozent Sicherheit sind stimulierend genug

Interview mit Guy Selbherr von der Bürgschaftsbank

Guy Selbherr ist Vorstandsmitglied der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg (MBG). Beide Einrichtungen sind gerade Handwerksbetrieben wichtige Partner, und das auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten: Die Bürgschaftsbank sichert Kredite der Hausbanken ab, die MBG kann durch stille Beteiligungen die Eigenkapitalbasis mittelständischer Unternehmen verbreitern.

Bild: Guy Selbherr
Bild: HwK

Im Jahr 2008 brach der internationale Finanzmarkt ein, später erfuhr die Automobilindustrie ihre Krise. In der Region Stuttgart sind viele Handwerksbetriebe Zulieferer von Daimler oder Porsche. Es ist zu erwarten, dass die veränderten Bedingungen, unter denen die Großunternehmen nun produzieren müssen, sich mit einigem zeitlichem Verzug auch auf den Mittelstand auswirken. Es gibt also viele Gründe, die Bürgschaftsbank und MBG jetzt zu besonders interessanten Partnern für Mittelständler werden lassen.

"Zunächst einmal gelten Offenheit und Transparenz"

Handwerkskammer: Die Bürgschaftsbank springt notfalls als Bürge ein, wenn ein Betrieb seine Kreditraten nicht mehr tragen kann. Diese Sicherheit macht ihn bei seiner Hausbank vertrauenswürdiger, weshalb Unternehmen Finanzmittel erhalten, an die sie ohne die Bürgschaftsbank nicht herankämen. Herr Selbherr, in welchem Umfang sichert die Bürgschaftsbank derzeit Kredite von Handwerksunternehmen ab?

Guy Selbherr: Im Jahr 2008 haben wir 530 Handwerksbetrieben eine Bürgschaft zugesagt, das bedeutet ein Kreditvolumen von exakt 96 Millionen Euro. Insgesamt bürgen wir für einen Bestand von rund 3500 Handwerksunternehmen. Das ist ein Volumen von 450 Millionen Euro. Nach der Anzahl der Unternehmen ist das Handwerk mit einem Anteil von über 30 Prozent führend.

Was kann ein Unternehmer tun, um seine Chancen auf eine Bürgschaft zu erhöhen?

Zunächst einmal gelten Offenheit und Transparenz. Je nachvollziehbarer das Geschäftskonzept, die Leistungsfähigkeit und die Stärken des Unternehmens, desto leichter ist es auch, potenzielle Geldgeber zu überzeugen. Die bisherige Entwicklung ist zwar Vergangenheit, dennoch werden Unternehmen ein Stück weit auch daran gemessen. Wer bisher seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, dürfte es jetzt bei rauer See nicht leicht haben.

Kommt es häufig vor, dass die Bürgschaftsbank einen Antrag ablehnt?

Wir können nicht in jedem Fall eine Bürgschaft übernehmen. Unsere Bürgschaften beinhalten staatliche Rückbürgschaften und damit letztlich auch Steuermittel. Es wäre nicht akzeptabel, wenn wir nicht tragfähige Konzepte begleiten würden, oder wenn wir Bürgschaften übernähmen, bei denen ein Ausfall überdurchschnittlich wahrscheinlich ist. Dennoch ist unsere Ablehnungsquote mit 20 bis 25 Prozent vergleichsweise gering. Im Handwerk liegt sie am unteren Ende der Bandbreite.

Und was führt zu einer Ablehnung?

Zum Beispiel eine nicht gesicherte Gesamtfinanzierung: Wenn wir meinen, dass das Unternehmen viel mehr Liquidität braucht oder insgesamt überschuldet ist. Oder wenn zu erkennen ist, dass ein Unternehmer in der Vergangenheit über seine Verhältnisse gelebt und zu hohe Entnahmen getätigt hat. Aber auch Defizite in der Führung können ein K.O.-Kriterium sein.

Bekommt ein Unternehmer, der vermögenslos ist aber über eine gute Idee verfügt, bei Ihnen eine Chance? Anders gefragt: Hätten Sie für Google gebürgt oder für ein Buchprojekt wie Harry Potter?

Es gibt schon Grenzen, und Eigenkapital hat natürlich auch eine Hebelwirkung für Fremdkapital. Im Bereich Starthilfe unterstützen wir jedoch gute Konzepte bei entsprechendem Management auch ohne Eigenkapital. Es ist nicht einfach, in Zeiten, in denen der Markt noch nicht entwickelt ist, solche Hypes wie Google zu erkennen. Aber ich denke, wenn sich das Team gut verkauft und seinen Sitz in Baden-Württemberg gehabt hätte, wären die Chancen gut gewesen. Auch mit Buchprojekten haben wir keine Berührungsängste. So haben wir beispielsweise eine Drehbuchautorin unterstützt, die mit ihrem Skript jüngst einen erfolgreichen TV-Spielfilm realisiert hat.

Wer einen Kredit braucht, kann nicht beliebig lange auf das Kapital warten. Wie lässt sich der Antragsprozess beschleunigen?

Durch eine gute Vorbereitung der Unterlagen, die wir zur Entscheidung benötigen und am besten durch ein gemeinsames Gespräch mit der Hausbank. Sinnvoll ist auch eine frühzeitige Einbindung der Handwerkskammer, die ihre Mitglieder kostenlos berät. Die Handwerkskammern sind Mitgesellschafter der Bürgschaftsbank und außerdem in das Entscheidungsverfahren eingebunden. Sie nehmen zu jeder Bürgschaftsentscheidung Stellung.

Sind vorherige Beratungen Pflicht?

Nein, aber natürlich ist es sinnvoll, wenn sich der Unternehmer oder die Unternehmerin vorab beraten lässt, allerdings ist es nicht Bedingung. Sobald dann der Antrag auf Bürgschaft oder Beteiligung gestellt wird, informieren wir die Handwerkskammer und bitten sie um eine entsprechende Stellungnahme.

Wie lässt sich die Hausbank zu einer positiven Bewertung des Kreditantrags bewegen?

Nun, eine maximale Absicherung von 80 Prozent durch unsere Bürgschaft ist in der Regel stimulierend genug. Wichtig sind den Banken jedoch Verlässlichkeit und schlanke Entscheidungsprozesse. Was die meisten Banken jetzt auch erwarten, ist eine Planung nach einem Worst-Case-Szenario, damit die sehen, dass ein Unternehmen selbst dann eine Chance hat, wenn es schlecht läuft. Nur sollte man da nicht eine Linie allein verfolgen, sondern durchaus unterschiedliche Szenarien des Umsatzeinbruchs simulieren.

In einigen Bundesländern gibt es das Programm Bürgschaft ohne Bank. In Baden-Württemberg existiert dieses Angebot nicht. Weshalb ist das so?

Bürgschaft ohne Bank ist etwas irreführend, richtig müsste es heißen, "Bürgschaft zunächst ohne Bank", denn später ist ja immer eine Bank als Kreditgeberin im Spiel. Wir setzen in Baden-Württemberg auf den klassischen Weg über die Hausbank und sind damit gut gefahren, was nicht heißen soll, dass wir nicht auch an anderen Wegen arbeiten. Außerdem ist die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg bundesweit führend: Rund 30 Prozent der gesamten Bürgschaften haben wir übernommen.

"Entscheidungen in schwierigen Zeiten erfordern besondere Maßnahmen"

Herr Selbherr, seit Herbst 2008 reden alle von der Krise: Finanzmarktkrise, Automobilkrise, kurz: Wirtschaftskrise. Ist der Mittelstand Ihrer Einschätzung nach auch davon betroffen?

Es ging ja eigentlich schon im Frühsommer 2008 los mit den Hiobsbotschaften der Großunternehmen. Dann ist in der Tat lange Zeit nichts passiert im Mittelstand, und es ist auch heute noch nicht so, dass alle Unternehmen in gleichem Maße von der Rezession betroffen wären. Wir stellen fest, dass, je nach Wertschöpfungskette und Produkt, die Geschäfte teilweise weiterlaufen wie bisher. Also, ich glaube, die größte Gefahr besteht darin, zu pauschalieren und jetzt insbesondere auch für die kleineren und mittleren Unternehmen zu schwarz zu sehen. Was mich eher so ein bisschen beunruhigt, ist die Perspektive, dass die Großen jetzt ihre Lieferanten konzentrieren und aussortieren.

Also kann es sein, dass die ganze Wirtschaftskrise an großen Teilen des Mittelstands spurlos vorüber geht?

Nein, das glaube ich nicht. Also den Mittelstand wird es auf alle Fälle hart treffen. Das merkt man alleine schon daran, dass die Nachfrage nach Liquiditätsfinanzierungen deutlich zugenommen hat, weil das ja das ist, was die Untenehmen derzeit brauchen: Liquidität. Das Blatt hat sich einfach gewendet. Der Anteil von Projekten, die sich auf Investitionen beziehen, ist von 75 Prozent im ersten Quartal 2008 auf 50 Prozent im ersten Quartal 2009 zurückgegangen. Dagegen hat sich der Anteil der Projekte, die auf Betriebsmittelfinanzierung abzielen, von 25 auf 50 Prozent quasi verdoppelt! Diejenigen, die ohne größere Blessuren über die jetzige Phase hinwegkommen, werden die sein, die es schaffen, in relativ kurzer Zeit ihre Kostenstruktur an die verringerte Ausbringung anzupassen.

Eigentlich zielen die Angebote der Bürgschaftsbank auf Existenzgründungen ab sowie auf etablierte Unternehmen, die gerade einen erhöhten Finanzierungsbedarf haben. Ist in der jetzigen Situation noch ein Bereich hinzugekommen, den die Bürgschaftsbank absichert?

Die Bürgschaftsbank will ein verlässlicher Partner sein für Unternehmen und Kreditwirtschaft gleichermaßen. Aber Verlässlichkeit lässt sich nur leben, wenn man in Krisenzeiten nicht den Kopf in den Sand steckt. Wir sehen uns als "Unternehmensfinanzierer". Unser Geschäft ist sowohl die mittel- bis langfristige Investitionsfinanzierung als auch die kurz- bis mittelfristige Liquiditätsfinanzierung. Und die hat in den letzten Monaten deutlich zugenommen.

Lehnen Sie jetzt, wo die Wirtschaft strauchelt, mehr Projekte ab als in besseren Zeiten?

Erfreulich ist, dass unsere Ablehnungsquote stabil ist, dennoch beobachten wir genau. Der Anteil an Liquiditätsfinanzierungen hat sich im ersten Quartal 2009 gegenüber der vorhergehenden Periode verdoppelt. Dagegen ging der investive Bereich stark zurück, der zuvor einen Anteil von 75 Prozent eingenommen hatte. Insgesamt bewegen sich Anträge und Volumina damit unter dem Vorjahresniveau. Dennoch spüren wir eine Belebung und erwarten auch im Gründungsbereich eine Zunahme des Geschäfts. Sehr gut angelaufen ist ein Liquiditätshilfeprogramm, das wir gemeinsam mit der L-Bank anbieten. Außerdem erhoffen wir uns durch die auf zwei Millionen Euro ausgeweitete Bürgschaftsförderung für kleinere Unternehmen zusätzliche Aktivitäten.

Die Bürgschaftsbank ist als mittelständische Selbsthilfeeinrichtung konzipiert. Die Handwerkskammern gehören zu den Gesellschaftern der Bank, weshalb die Unternehmen über ihren Kammerbeitrag auch die Bürgschaftsbank indirekt mitfinanzieren. Wenn Sie einem Handwerksunternehmen eine Bürgschaft verweigern, wird der betroffene Unternehmer sich unter Umständen auf diesen Zusammenhang berufen. Wie gehen Sie mit diesem Vorbehalt um?

Wir haben hier eine gewisse Nähe zum Kunden, klar: wir wollen ihm helfen. Aber es geht um Nachhaltigkeit; es bringt uns allen nichts, wenn man das Unternehmen noch ein halbes Jahr stabilisiert, und am Ende ist der Schaden da und der Ausfall noch größer. Im Prinzip können wir 25 Prozent der Engagements, die unser Haus erreichen, nicht positiv entscheiden. Vielfach ist es aber auch so, dass die Unternehmen in guten Zeiten über ihre Verhältnisse gelebt haben, dass die Unternehmer die Unternehmen ausgezehrt haben; und jetzt fehlt natürlich in einer Krise das notwendige Kapital.

Gibt es auch noch andere häufige Probleme in der Führung mittelständischer Unternehmen?

Das Management ist häufig nicht breit genug aufgestellt. Da ist dann nach dem Thema Controlling zu fragen: Sind die kaufmännischen Fähigkeiten ausreichend entwickelt oder ist hier eine Verstärkung notwendig? Also, das sind durchaus auch Aspekte, die zu einer Ablehnung führen können.

In der Geschichte der Bundesrepublik gab es noch keine Phase, in der Kredite in größerer Zahl ausfielen, wie das 2008 in den USA geschehen ist. Könnte sich das jetzt ändern?

Das ist derzeit noch Spekulation. Fakt ist, dass die Zahlen der Unternehmensinsolvenzen rasant zunehmen werden: 2008 mussten rund 30.000 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland hingenommen werden. Der jüngste Höhepunkt ging übrigens auf das Jahr 2003 mit 39.500 Zusammenbrüchen zurück. Wir stellen fest, dass Unternehmen heute besser vorbereitet sind; sie sind gestärkt in die Krise gegangen, durch die zuletzt wirtschaftlich starken Jahre. Außerdem reagieren sie schneller. Die Wirtschaftskrise, die sich zunächst bei den größeren Unternehmen manifestierte, hat die kleineren und mittleren frühzeitig sensibilisiert, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Soweit sie Zulieferer der Automobilindustrie sind, könnten Kreditnehmer aus dem Handwerk schon bald unverschuldet in die Situation kommen, dass sie Bankenkredite nicht mehr zurückzahlen können. Rechnen Sie damit, dass Sie demnächst häufiger in Leistung treten müssen?

Wir übernehmen Ausfallbürgschaften - dazu gehört, dass diese in schwierigen Zeiten auch zu einer Leistung führen können. Unser Mehrwert wäre aus Bankensicht begrenzt, wenn wir nur die Engagements begleiten würden, deren Ausfallwahrscheinlichkeit sehr gering ist. Wir möchten möglichst alle Vorhaben unterstützen, deren Realisierung mehr Chancen als Risiken bietet. Bei unseren Entscheidungen können wir uns dem veränderten Marktumfeld sicherlich nicht verschließen. Dennoch: Der Bund erwartet, dass die Bürgschaftsbank alle vertretbaren Risiken zugunsten des Mittelstandes eingeht, um die Kreditversorgung zu stabilisieren und einer Kreditklemme entgegen zu wirken. Dafür hat der Bund im Rahmen des Konjunkturpakets II eine um 10 Prozent erhöhte Absicherung gewährt. Das gilt für die Jahre 2009 und 2010.

Die Bürgschaftsbank darf nur Betrieben helfen, die noch nicht akut insolvenzgefährdet sind. Nun ist aber die Überschuldung als Insolvenzgrund sehr schwierig zu beurteilen. Denn es hängt von der Fortführungsprognose ab, ob das Vermögen zu Verkehrswerten oder zu Zerschlagungswerten bemessen werden muss. Ist diese Beurteilung für Sie ein Problem?

Entscheidungen in schwierigen Zeiten erfordern besondere Maßnahmen, das hat auch der Bund durch die Veränderungen in der Insolvenzordnung berücksichtigt. Die jüngste Änderung der Insolvenzordnung hat den Eröffnungsgrund der Überschuldung (§ 19 Insolvenzordnung) dahingehend abgeschwächt, dass trotz rechnerischer Überschuldung eine Überschuldung im Sinne der Insolvenzordnung nicht vorliegt, wenn für das betroffene Unternehmen eine positive Fortführungsprognose gestellt werden kann. Damit sind wir wieder beim Thema: Wir benötigen in diesen Fällen ein Fortführungskonzept nach IDW-Standard. Auf dieser Basis kann dann gemeinsam mit der Hausbank eine Entscheidung getroffen werden. Aktuell diskutiert der Gesetzgeber übrigens über weitere Änderungen der Insolvenzordnung, die die Zerschlagung von Unternehmen verhindern sollen.

Wie oft kommt es vor, dass die Unternehmen Kredite nicht zurückzahlen können, und die Bürgschaftsbank tatsächlich in Leistung treten muss? Hat sich daran seit Beginn der Finanzkrise etwas geändert?

Die Ausfallquote lag im Jahr 2008 bei 2,5 Prozent. Bezogen auf die Anzahl sind gut 3 Prozent der Unternehmen gescheitert. Wir gehen in der Tat von einem Anstieg aus… Wir beobachten aber derzeit eine zunehmende Risikovorsorge. Noch sind wir guter Hoffnung, solche Unternehmen durch begleitende Maßnahmen zu stabilisieren, doch wenn die Krise länger andauert und die wirtschaftliche Erholung auf sich warten lässt, dann dürfte es für diese Unternehmen schwer werden.

Welche Erfahrungen haben Sie in letzter Zeit mit den Unternehmen des Handwerks gemacht? Können sie ihre Kredite sicher zurückzahlen?

Generell muss man sagen, dass die Ausfallgefährdung im Handwerk unterdurchschnittlich ausgeprägt ist. Aber auch hier spüren wir die Konjunkturzyklen. Wir hatten in jüngster Vergangenheit größere Probleme mit dem Bau- und Ausbaugewerbe und dem Metallhandwerk. Das hat sich jetzt aber - außer im Metallhandwerk - wieder entspannt. Was wir jetzt noch feststellen, ist, dass das konsumnahe Handwerk jetzt so ein bisschen leidet und natürlich diejenigen, die von der Automobilindustrie abhängen. Trotzdem war die Entwicklung im Handwerk im vergangenen Jahr deutlich günstiger als wir das erwartet hätten.

"Stille Beteiligungen funktionieren auch ohne Hausbank"

Sie sind nicht nur im Vorstand der Bürgschaftsbank, Herr Selbherr, Sie sind auch Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG). Die MBG bietet stille Beteiligungen an. Das heißt, sie macht eine Einlage ins Eigenkapital des Unternehmens, dessen Kapitalausstattung sich dadurch verbreitert. Aus der Unternehmensführung hält sich der stille Teilhaber aber raus.

Der stillen Beteiligung begegnen viele Unternehmer mit einem gewissen Misstrauen. Sie befürchten, dass sie mit einer Beteiligungsgesellschaft an Bord nicht mehr frei entscheiden können. Was ist dran an dieser Sorge?

Das Instrument der stillen Beteiligungen gibt es ja schon seit Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals war aber die Zeit noch nicht richtig reif dafür. Das hat sich spätestens seit Basel II geändert, weil durch das Ratingverfahren das Thema Eigenkapital als Bilanzposten an Bedeutung gewonnen hat. Heute werden Kreditentscheidungen vielfach unter diesem Gesichtspunkt getroffen: Wie hoch ist die Eigenkapitalausstattung eines Unternehmens? Und da sieht sich die MBG als einen Hebel, durch den die Kapitalbasis durch stille Beteiligungen verbreitert wird, um ein Unternehmen im Wachstum zu unterstützen.

Und jetzt interessieren sich mehr Unternehmen für die MBG als stillem Teilhaber?

Wir merken, dass Unternehmen, die eigentlich recht gut dastehen, einfach auf Grund von Verwerfungen auf den Finanzmärkten das Thema strategisch angehen und sich breiter aufstellen wollen. Also uns sprechen jetzt auch Kunden an, die wir vor eineinhalb Jahren wahrscheinlich noch nicht bekommen hätten, weil die gesagt hätten, das funktioniert ja, ich hab immer Kredit bekommen von meiner Bank. Die suchen jetzt bewusst auch die Möglichkeit, ihre Abhängigkeit von Finanzierungspartnern ein Stück weit zu reduzieren. Und da sind wir natürlich ein idealer, ein wettbewerbsneutraler Partner.

Welche Vorteile hat die Zusammenarbeit mit der MBG denn für ein Unternehmen?

Stille Beteiligungen verbreitern die Kapitalbasis. Vor allem ist das ein Instrument, das im Gegensatz zu einer Bürgschaft auch ohne die Hausbank genutzt werden kann.

Wie still ist der stille Teilhaber MBG denn wirklich?

Ja, das ist eine gute Frage, weil die Vorurteile nach wie vor bestehen. Aber wir nehmen das Wörtchen "still" ernst. Die Beteiligung tritt nach außen nicht in Erscheinung, sie wird also nicht im Handelsregister eingetragen. Es ist so, dass wir auch an den Gesellschafterversammlungen nicht mitwirken und keine unmittelbaren Mitspracherechte haben. Was aber in der Tat in unserem Beteiligungsvertrag enthalten ist, sind entsprechende Informationspflichten des Unternehmens sowie gewisse Zustimmungspflichten. In der Regel betrifft das nur außergewöhnliche Themen: Wenn zum Beispiel der Geschäftszweck des Unternehmens verändert wird, das Unternehmen seinen Betrieb komplett verlagert oder alle Produktionsanlagen verkauft werden. Also grundlegende Themen der unternehmerischen Ausrichtung. Hier ist es dann so, dass wir uns ein Kündigungsrecht vorbehalten, wenn wir bei so einer Entscheidung unsere Zustimmung nicht erteilen würden. Aber auch das könnte zum Wohle des Unternehmens gestaltet werden. Wir sehen uns ja als Fördereinrichtung, und werden natürlich dann, wenn das Unternehmen notwendige Entscheidungen trifft, diese auch mittragen.

 

Guy Selbherr über Bürgschaften und stille Beteiligungen

Bürgschaftsbank Baden-Württemberg

Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg (MBG)


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