Aktuell - Sonderthema 3/2002
farbrat Wertegemeinschaft e.G.
Ein anspruchsvolles Gremium
Genossenschaften gehören zu den traditionellen Kooperationsformen. Dass sie sich auch heute noch als Plattform für innovative Projekte eignen, zeigt das Beispiel farbrat. Der Verbund wurde im Juni 1999 als "ideelle Wertegemeinschaft ambitionierter Malermeister" gegründet. Das Konzept lautet: Höchste Qualität auf allen Arbeitsfeldern als praktikable Alternative zum vorherrschenden Preiskampf in der Baubranche.

Die Marke farbrat ist längst keine Unbekannte mehr. Rolf-Dieter Kellner konnte es erst kürzlich wieder feststellen. Am Präsentationsstand der Genossenschaft auf dem Designer’s Saturday im Stuttgarter Landesgewerbeamt fanden sich rund zehn selbstständige Malermeister ein, um mehr über das Projekt zu erfahren. Vielleicht waren einige zukünftige Farbräte darunter. "Wir wollen in den nächsten Jahren wachsen", sagt der Cannstatter Malermeister und Farbgestalter, "jedoch nicht unkontrolliert." Als Obergrenze seien 100 Mitglieder geplant.

Den Stamm bildeten 18 Malerbetriebe - vom Ein-Mann-Betrieb bis hin zum Unternehmen mit 90 Mitarbeitern. Derart unterschiedliche betriebliche Voraussetzungen werden in der Ratgeberliteratur für gewöhnlich als Stolperstein für Kooperationen bewertet. Hinzu kommt die überregionale Ausrichtung des Netzwerks mit einem vergleichsweise hohen organisatorischen Aufwand bereits in der Startphase. Dass der Zusammenschluss dennoch überaus erfolgreich arbeitet, scheint die ungewöhnliche Philosophie der Gründer zu bestätigen.
Mehrwert und Wertschöpfung durch Kooperation
Eine kurze Dokumentation zum bisherigen Projektverlauf verdeutlicht dies. Nicht ein gängiger Zusammenschluss wie etwa bloße Einkaufs- oder die Werbegemeinschaften wurde angestrebt, sondern eine "ideelle Vereinigung mit wirtschaftlichen Zielen". Das Bindeglied war und ist der gemeinsame Qualitätsanspruch. "Der farbrat-Stamm hat sich über die Vorliebe zum hochwertigen Produkt gefunden", erinnert Kellner. Aus den losen Treffen von Malermeistern - Kellner spricht von "Gleichgesinnten" in Sachen Farbkultur - entwickelte sich der Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit.
So gewinnt die Aussage, Mehrwert und Wertschöpfung durch Kooperation zu schaffen, eine zweifache Bedeutung. Gleichrangig zu den wirtschaftlichen Zielen wie der Verbesserung der Wettbewerbsposition der einzelnen Betriebe, so Kellner, sei das vorbildliche Handeln im Verbund - sowohl nach innen als auch nach außen. Kellner benutzt den Begriff "ethische Komponente", um die Unterschiede zur Branche zu verdeutlichen: Abkehr von der reinen Umsatzorientierung, Verzicht auf Konkurrenzdenken im Verbund, stattdessen handwerkliche Präzision, Teamarbeit, Mitarbeiterorientierung und die ausschließliche Verwendung umweltfreundlicher Produkte.
Rückbesinnung auf das Besondere
Die Alternative hätte darin bestanden, den ruinösen Verdrängungswettbewerb in der Baubranche solange als möglich mit zu machen. Dem setzen Kellner und Kollegen einen hohen Qualitätsanspruch entgegen. Die Mitgliedsbetriebe bieten ihren Kunden kompetente Beratung rund um die Farbgestaltung sowie die hochwertige Verarbeitung von Spitzenprodukten. "Wir verarbeiten reine Kalkputze, Silikatputze und Kalkfarben", erläutert Rolf-Dieter Kellner.
Eine Besonderheit seien die so genannten "Le Corbusier-Farben". Der Schweizer Architekt gilt heute als Mitbegründer der klassischen Moderne. Seine Möbelentwürfe aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehören längst zu den Designklassikern. Weniger bekannt ist seine Farbenlehre. "Harmonisch und an Intensität kaum zu übertreffen", urteilt Kellner und vermittelt etwas von der Begeisterung für das hochwertige Ergebnis, die das Projekt farbrat erst möglich gemacht hat. Die Farben werden nach den Originalunterlagen von der Schweizer Farbenmanufaktur kt.Color hergestellt und vom farbrat vertrieben - autorisiert durch die Nachlassverwalter des Architekten, die Fondation Le Corbusier in Paris.
Die Farbräte konzentrieren sich auf das gehobene Auftragssegment. Im Mittelpunkt stehen Privatkunden, aber auch Selbstständige und Freiberufler. "Häufig werden Sondertechniken und spezielle Gestaltungsaufgaben nachgefragt", so Kellner. Hinzu kommen öffentliche Aufträge, so zuletzt die Ausgestaltung der französischen Botschaft in Berlin. Mit zum Konzept des Netzwerks gehört es, den ausführenden Betrieb mit Know-how und durch Mitarbeiteraustausch zu unterstützen.
Anders sein mit Erfolg
Die farbrat-Idee findet Zuspruch, der sich nicht nur in einem Corporate Design, einem höheren Bekanntheitsgrad und in wachsenden Bewerberzahlen ausdrückt. Die Mitgliedsunternehmen arbeiten wirtschaftlich erfolgreich. Neben gestiegenen Umsätzen führen die Farbräte die Rating-Ergebnisse der Kreditinstitute als Beleg an. Praxis und Konzept erfahren regelmäßig die beste Bewertung nach Basel II.
In Sachen Qualität und Kundenzufriedenheit sieht sich der farbrat mittlerweile in einer Vorbildfunktion. "Die Branche nimmt unseren ganzheitlichen Ansatz positiv auf", weiß Kellner. Zugleich sei die Erwartungshaltung gegenüber den Farbräten gestiegen.
Auch die Mitarbeiter profitieren. Der regelmäßige Austausch im Verbund sorgt dafür, dass Routinen aufgebrochen werden und die Qualifikation immer auf dem neuesten Stand bleibt. farbrat-Mitarbeiter verfügen über gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Vorteil für die Unternehmen: die Beschäftigten identifizieren sich stärker als bisher mit ihrer Arbeit und dem Betrieb. Das zeige sich auch daran, so Kellner, dass die Mitarbeiter an den Tagungen der Farbräte teilnehmen.
Mitmachen ist Trumpf
Diese Erfolge basieren auf einem funktionierenden Netzwerk. Die Farbräte tagen drei- bis viermal im Jahr, um ihre Zusammenarbeit zu organisieren. Darüber hinaus verpflichtet sich jedes Mitglied zur Mitarbeit in mindestens einem der neun Arbeitskreise, die zu verschiedenen Schwerpunkten - von Controlling über Technik und Entwicklung bis hin zur Ideenwerkstatt - eingerichtet wurden. Diese Arbeitsteilung erfordert einen hohen Einsatz, sichert aber zugleich den Wissenstransfer und gemeinsamen Kompetenzgewinn: "Erfahrungen werden im Gesamtkreis praxisorientiert diskutiert und können direkt von den einzelnen Betrieben genutzt werden." Die alltägliche Kommunikation zwischen den Tagungen erleichtert das Intranet. Darin enthalten ist auch eine Art interner Stellenmarkt, der den Mitarbeiteraustausch zwischen den Partnern erleichtert.
Aktivität sei Bedingung, betont Rolf-Dieter Kellner, der im Projekt als ehrenamtlicher Vorstand arbeitet. Zwar wolle man die Koordinations- und Präsentationsfunktion in naher Zukunft professionalisieren, jedoch ohne das bewährte Konzept aufzugeben. Der Verbundgedanke sei allen Beteiligten sympathisch, weiß Vorstand Kellner.
Die geeignete Gesellschaftsform fanden die Farbräte in der Genossenschaft. Sie erfordere und gewährleiste die Einbindung aller Mitglieder und sei zudem weniger aufwändig als eine GmbH, so Kellner. Seit dem 1. März 2002 arbeitet der Zusammenschluss als Genossenschaft. Beratende Unterstützung gab es vom Württembergischen Geno-Verband. Kellner hofft, dass der Auftritt als Genossenschaft auch den Zugang zu Fördermitteln erleichtert.
Werte neu entdecken
Die Genossenschaft sorgt laut Satzung für die Vermarktung der Produkte und Dienstleistungen ihrer Mitglieder, organisiert den Einkauf und das Marketing, stellt die betriebsübergreifende Qualifizierung der Mitglieder und der Mitarbeiter sicher.
Zum Konzept gehört es auch, Einsteigern einen erfahrenen farbrat als Paten zur Seite zu stellen. Diese einjährige intensive Starthilfe trägt dazu bei, die vereinbarten Qualitätsansprüche umzusetzen. Das große Interesse an einer Mitgliedschaft im Netzwerk zwingt dazu, die Standards erstmals verbindlich zu dokumentieren.
Letztlich gehe es darum, die Lebensqualität zu verbessern, sei es für den Betrieb als Wettbewerber, für den einzelnen Farbgestalter, für die Kunden, sei es für die Beschäftigten und deren Familien, fasst Kellner zusammen. - Ein hoher Anspruch. Der farbrat scheint diesen Weg konsequent zu gehen.




