Aktuell - Sonderthema 3/2002
Gesundheitswelle
Strategie und Identifikation entscheiden
Beim Marketing gemeinsame Sache zu machen, ist für Handwerksbetriebe ideal. So lassen sich Ideen bündeln und die Kosten für eine professionelle Außendarstellung eindämmen. Einen ungewöhnlichen Einstieg wählte das Projekt Gesundheitswelle. Die Göppinger Gesundheitshandwerker fanden im Jahr 2000 als Messeveranstalter zusammen. Aus diesem Engagement hat sich ein vitales Netzwerk rund um die Themen Gesundheit und Rehabilitation entwickelt.
Alle Jahre wieder: Steigende Beiträge, Einschnitte in den Leistungskatalog, veränderte rechtliche Rahmenbedingungen und eine heftig geführte Kontroverse über den richtigen Weg aus der Misere. Das Gesundheitswesen hat sich längst zu einem unsteten und überaus problematischen Markt entwickelt. Für Kunden wie für Anbieter.
Die aktuelle Gesundheitspolitik sei ein wichtiger, aber sicher nicht der alleinige Anlass für die Gründung der Gesundheitswelle gewesen, betont Udo Maurer, Hörakustik-Meister aus Göppingen. Denn auch die klassischen Gesundheitsgewerke seien nicht vom Trend zur Konzentration verschont geblieben. Angesichts überregionaler Anbieter habe sich die Wettbewerbssituation für Einzelunternehmen verschärft. "Unser Ziel war es, unsere Leistungen als Handwerksbetriebe und Dienstleister in der Region transparent zu machen", fasst Maurer zusammen.

Was fehlte, war ein geeignetes Forum. Die Idee, eine regionale Gesundheitsmesse zu veranstalten, hatten das Sanitätshaus Hartlieb und das Dentallabor Steinbach. Hinzu kamen mit den Firmen Orthopädie- und Schuhtechnik Bloss, dem Fitness- und Gesundheitszentrum Azzuro, der Physiotherapiepraxis Hummel, dem Optiker Hasler und dem Hörakustik-Spezialisten Maurer weitere Partner. In diesem losen Verbund wurde ein Konzept entwickelt. Im Mai 2001 fand die VITALIS - Göppinger Messe für Gesundheit und Rehabilitation erstmals statt. Das Ergebnis beschreibt der 37-Jährige als Imagemesse mit hohem Informationswert für die Besucher: "Die VITALIS soll mehr bieten als eine Leistungsschau." Um die Zielgruppen zu erreichen, sei ein interessantes Rahmenprogramm zu aktuellen Themen wie Diabetes und Osteoporose, Vorsorge und Tipps zur Lebensführung ebenso wichtig.
Die Praxis scheint den Veranstaltern Recht zu geben. Im April 2002 wurde bereits die zweite VITALIS ausgerichtet, 40 Aussteller nutzten die Gelegenheit, sich und ihre Produkte zu präsentieren, Ausstellung und Zusatzangebote fanden mehr als 9000 Besucher. Aus der Zusammenarbeit als Messeveranstalter ist ein ständiger Verbund, die Gesundheitswelle, hervorgegangen. "Die positiven Erfahrungen, die wir mit der VITALIS gewonnen haben, sind die Basis für eine langfristig angelegte Kooperation", so Maurer.
Marketingverbund mit starken Partnern
Mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Landkreis Göppingen (WiF) und der Neuen Württembergischen Zeitung (NWZ) konnten bereits in der Startphase zwei wertvolle externe Partner gewonnen werden. WiF-Geschäftsführer Reiner Lohse setzt auf den Wachstumsbereich Gesundheit, Fitness und Wellness: "Wir wollen die Kompetenzen bündeln und dadurch einen wichtigen Branchenschwerpunkt in unserem Landkreis nachhaltig stärken". Seit Mitte der 90er Jahre engagiert sich die WiF in diesem Bereich, sei es beim Aufbau eines Kompetenzzentrums Gesundheit, sei es mit einem Tourismus-Kongress unter dem Motto "Gesund Leben und Arbeiten". Vom Netzwerk Gesundheitswelle erhofft sich Lohse wichtige Erfahrungen, "die in künftige Projekte einfließen können." Der Bedarf an Wissenstransfer sei enorm.

Publizistische Unterstützung gibt es von der NWZ. Sowohl im überregionalen als auch im Lokalteil sind Gesundheitsthemen als Rubriken oder auf Sonderseiten präsent. Darüber hinaus werden mehrmals im Jahr Telefonaktionen durchgeführt. Zur VITALIS steuert die NWZ das Göppinger Gesundheitsforum, eine Diskussionveranstaltung mit Experten und Lesern zu aktuellen Gesundheitsthemen, bei.
Innovative Dienstleistungen entwickelt
Ein erstes Ziel hat die Gesundheitswelle erreicht. Das Netzwerk konnte als leistungsstarker Anbieter in der Region, als Marke, etabliert werden. Für das moderne und unverwechselbare Erscheinungsbild in den Medien sorgt die Werbeagentur Bettina Schiller. "Ohne Bündelung der Aktivitäten und Einzeletats wäre es kaum zu schaffen gewesen", gibt Geschäftsführer Maurer zu. Dass sich mittels Kooperation die Marktposition verbessern lässt, zeigt sich im Abschluss eines Kooperationsvertrages mit der Reha-Klinik Christophsbad in Göppingen. Das Leistungsangebot der Gesundheitswelle reicht vom Beratungstag über Fortbildungsveranstaltungen für das Klinikpersonal bis hin zur Patienten-Info-Mappe und einem Fahrdienst. Vorteil für die Kunden: Ein Ansprechpartner für sämtliche Gewerke. Udo Maurer und Reiner Lohse sind von ihrem Konzept überzeugt: "Wir wollen neue Dienstleistungsangebote entwickeln." Das geschieht durchaus mit Erfolg. 2001 wurde die Gesundheitswelle mit dem Innovationspreis des Landkreises Göppingen ausgezeichnet, ein Jahr darauf folgte der Dienstleistungspreis 2002 des Landes Baden-Württemberg.
Der finanzielle Ertrag des Netzwerks beschränkt sich vorläufig auf Kosteneinsparungen. Die sieben Gesundheitsdienstleister treten gemeinsam auf, werben gemeinsam mit Prospekten oder auch im Internet und erfreuen sich als Verbund einer Medienpräsenz, die für Einzelkämpfer kaum je zu erreichen ist. Zumindest mittelfristig soll sich der Zusammenschluss jedoch in einer nachhaltigen Steigerung der Unternehmensergebnisse auszahlen.
Auf die individuellen Potenziale kommt es an
Als Erfolgsfaktor nennt Maurer zum einen die strategische Ausrichtung des Verbunds: "Wir konzentrieren uns auf die Region und versuchen hier Partnerschaften mit Ärzten, Krankenkassen und Kliniken einzugehen." Zum anderen seien die weichen Faktoren, die Konstellation im Verbund sowie die individuellen Potenziale wichtig: "Alle Netzwerker müssen sich mit dem Projekt identifizieren." Dies gelte für die außergewöhnlichen Aktionen wie für die alltägliche Qualitätssicherung. Eben dieser hohe persönliche Einsatz wiederum könne sich als problematisch für das Projekt erweisen. In zwei Betrieben stehe die Nachfolge an. Mit unklaren Folgen für die Gesundheitswelle.
Für die Zukunft sind weitere Kooperationen mit Institutionen, wie zum Beispiel den Krankenkassen, und Kliniken geplant. Einen weiteren Aktionsschwerpunkt bildet die Auszubildendeninitiative Vitale Berufe. Am 1. Februar 2003 informieren die Betriebe über Gesundheitsberufe. Mit von der Partie ist das Arbeitsamt Göppingen. Für den schnellen Transport der interessierten Schüler wird ein Busshuttle sorgen.
Die Initiatoren wissen, dass erfolgreiche Kooperationen von engagierten Mitarbeitern getragen werden. Mitarbeiter-Infotage sollen dazu ermutigen, über den Tellerrand des eigenen Betriebes hinaus zu schauen. Mit der Göppinger Volkshochschule wird über ein Kursangebot verhandelt. Eine Mitarbeiter-Karte soll die Identifikation mit der Gesundheitswelle fördern - bei zehn Prozent Rabatt in allen Betrieben.
Maurers Zwischenbilanz zur Gesundheitswelle fällt knapp aus: "Unsere Erwartungen wurden übermäßig erfüllt." Das Projekt verfüge über ein positives Image und über einen hohen Bekanntheitsgrad in der Region. Die Chance, neue Anregungen aus der Kooperation aufgreifen zu können, verbucht Maurer als persönlichen Gewinn. Deshalb wollen er und seine Partner weitermachen. Mit einer Einschränkung: Die Gesundheitsmesse VITALIS wird auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus umgestellt. Die nächste findet im Jahr 2004 statt.
Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Landkreis Göppingen




