Aktuell - Sonderthema 3/2003
Maßarbeit - made by Stibbe-Hutzel
Hat der Schneider zuviel verlangt?
Wer den Begriff "Sachverständige" hört, denkt meist an Bauberufe. Dabei gibt es weit über 80 Bestellungsgebiete. Dass es auch Sachverständige für Fachbereiche wie "Damenschneider", "Markisen und Sonnenschutz" oder "Lederverarbeitung, Bilderrahmen" gibt, ist oft nicht allgemein bekannt.

Anna Stibbe-Hutzel, Meisterin im Damenschneiderhandwerk, ist Sachverständige auf einem dieser weniger bekannten Bestellungsgebiete. Vor drei Jahren wurde sie als Sachverständige für das Fachgebiet Damenschneider öffentlich bestellt und vereidigt. Nur einmal hat sie seitdem ein schriftliches Gutachten verfasst. Damals schätzte sie für eine Versicherungsgesellschaft den Wert einer Lieferung von Kleidungsstücken.
Die wenigen Aufträge erklärt Stibbe-Hutzel durch den geringen Streitwert der Stücke. "Viele Leute denken, Gutachten kosten nichts. Das merke ich an den Anrufen. Die meisten Leute wollen nur wissen, ob der Schneider nicht zuviel verlangt hat", ist ihre Erfahrung. Ihre Tätigkeit als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige unterscheidet sich dadurch sehr von der ihrer Kollegen und Kolleginnen aus stärker frequentierten Bestellungsgebieten. "Am häufigsten geht es um Passformfehler", sagt die Damenschneider-Meisterin, "und ich schlage den verärgerten Kunden dann vor, der Schneiderin erst einmal eine Nachbesserung anzubieten und kläre sie über die Kosten eines Gutachtens auf."

Warum Anna Stibbe-Hutzel Sachverständige wurde? "Ich wurde von Ingrid Schluckwerder, der Vorgängerin auf diesem Posten, vorgeschlagen", erklärt Stibbe-Hutzel, die Schnitttechnik an der Kerschensteinerschule in Stuttgart lehrt. Die Bewerbungsunterlagen erhielt sie von Rainer Seebacher aus der Handwerkskammer Region Stuttgart. Ein Kurs bei Sachverständigen-Spezialist Reinhold Haas, Jurist und stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Reutlingen a. D., folgte.
Die Schnitttechnik ist Anna Stibbe-Hutzels Spezialgebiet. Sie bildet Meisterschüler- und Schülerinnen aus, die gern auf das profunde Wissen der Damenschneider-Meisterin zurückgreifen. Dass die Aufträge mit steigendem Bekanntheitsgrad mehr werden, glaubt sie allerdings nicht: "Der Wert der Kleidungsstücke, um den es geht, rechtfertigt ein Gutachten meist nicht - Schäden auf diesem Gebiet sind meist nicht so preisintensiv. Das sieht im Baubereich anders aus."




