Aktuell - Sonderthema 7/2001
Zufriedene Mitarbeiter sind gesünder
Betriebliche Gesundheitsförderung erschöpft sich nicht im richtigen Sitzen
Schlechte Sitzmöbel schaden dem Rücken, andauernder Lärm dem Trommelfell. Eine mäßige Arbeitsbeleuchtung ist nicht gut für die Augen, schlecht abgesicherte Maschinen bergen Verletzungsrisiken. So weit ist alles klar. Die materiell greifbaren Umstände, unter denen jemand arbeitet, sind aber nicht die einzigen Faktoren, die gesunde Mitarbeiter zu kränkelnden Patienten machen können. Betriebliche Gesundheitsförderung ist mehr als eine Sammlung guter Tipps für richtiges Sitzen, Stehen und Liegen.

Jahr für Jahr gehen dem Handwerk mehrere Millionen Mark durch Erkrankungen verloren, die sich seine Mitarbeiter im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit zugezogen haben. Dabei entstehen Kosten, die Betriebe, Kassen und Mitarbeiter belasten.
Die Hitparade der berufsbedingten Gesundheitsschäden führen Erkrankungen des Bewegungsapparats, der Atmungsorgane, und der Verdauungsorgane an. Der absolute Spitzenreiter aller Geiseln der berufstätigen Bevölkerung sind Rückenleiden. Also muss die Wirtschaft etwas gegen diese Erkrankungen tun: Geeignete Sitzmöbel anschaffen, Alternativen zum klassischen Bürostuhl finden (Kniestuhl, Sitzball,...), Trainingskurse anbieten, Wirbelsäulen-Workshops veranstalten? Ja! Unbedingt. Medizinsoziologen rütteln aber an der Überzeugung, dass das schon alles sei, was in den Betrieben zu tun bleibt.
Gesundheitsvorsorge ist Unternehmenskultur
Da ist zunächst einmal eine ebenso alte wie grausame Feststellung, für deren Richtigkeit die Medizin lange Statistiken vorlegen kann: Je niedriger das gesellschaftliche Ansehen einer Person ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie krank wird und - früher stirbt. Ganz banal formuliert heißt das: Wer weiter aufsteigt, lebt länger.
Englische Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass sich die Konfrontation mit Giften am Arbeitsplatz oder die Belastung mit Lärm und Staub weit weniger stark auf die Gesundheit von Mitarbeitern auswirken, wie die soziale Stellung, die sie in ihrem Unternehmen einnehmen. Dieser Umstand macht die betriebliche Gesundheitsförderung zu einer prekären Angelegenheit: Wer wirklich etwas für die allgemeine Betriebsgesundheit tun will, muss bei der Organisation der Arbeit ansetzen, beim Führungsprinzip des Unternehmens.
In die gleiche Kerbe schlägt die Weltgesundheitsorganisation WHO, die in ihrer Ottawa-Charta zu der Festellung findet: "Gesundheit entsteht dadurch, ..., dass man in der Lage ist, selber Entscheidungen zu fällen und Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben." Damit nennt sie nicht nur Ross und Reiter beim Namen, sondern zeigt auch schon den Weg aus der Krise auf: Mitarbeiter, die einen größeren Spielraum zur Selbstbestimmung erhalten, bleiben eher gesund als Mitarbeiter, die ihre Arbeit nicht eigenständig organisieren dürfen.
Auf der Suche nach dem Unternehmens-Bürger
Inzwischen liegen eine ganze Reihe von Untersuchungen vor, die diese These untermauern und verblüffende Zusammenhänge aufzeigen:
- Das Risiko, einer Herzerkrankung steigt, wenn von Mitarbeitern qualitativ hochwertige Arbeit in knapp bemessener Zeit verlangt wird und wenn dabei hoher Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt wird.
- Rückenbeschwerden nehmen ab, wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeit eigenständig organisieren dürfen und frei über ihre Arbeitspausen bestimmen können.
- Unzufriedene Mitarbeiter leiden häufiger unter Rückenbeschwerden als zufriedene Kollegen.
- Steigen die Qualitätsanforderungen an die Arbeit, während gleichzeitig die Kontrollmöglichkeiten über die eigene Arbeitskraft eingeschränkt werden, steigt das Risiko einer Herzerkrankung.
- Enttäuschungen, mangelnde Anerkennung, fehlende soziale Belohnungen und erwartete aber nicht erfolgte Beförderungen erhöhen die Herz-Kreislauf-Risiken.
Damit ergibt sich eine beklemmend einfache Formel:
Hohe Arbeitsanforderungen + Geringe Gestaltungsmöglichkeiten = Hohes Krankheitsrisiko. Traurig, aber wahr. Andererseits leitet sich aus diesen Beobachtungen auch ein wirkungsvolles Mittel zur Vorbeugung ab. Betriebliche Gesundheitsförderung muss Teil der Organisationsentwicklung des Unternehmens sein. Mitarbeiter, die mitreden dürfen, sind zufriedenere Mitarbeiter. Zufriedenere Mitarbeiter sind gesündere Mitarbeiter.
Eine Rezeptur, die zum Schrecken aller Unternehmer werden muss, weil sie sich teuer anhört? Keineswegs. Mehr Eigenverantwortung, mehr Mitsprache, mehr Motivation sind keine ausgeprägten Kostenfaktoren. Der Stuttgarter Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schlicht verwendet in diesem Zusammenhang ein markantes Schlagwort: Den Bürger im Unternehmen sieht er als Ziel zeitgemäßer Mitarbeiterführung und -entwicklung. Weil er mit entscheidet, dieser Unternehmens-Bürger, ist er ein zufriedener Zeitgenosse. Auf traditionelle Belohnungssysteme ist er nicht scharf, die Selbstbestätigung, die er aus seiner Arbeit bezieht, genügt ihm. Nur vorenthalten darf sie ihm niemand. Sonst quittiert er den Dienst via Krankenschein.




