Aktuell - Sonderthema 7/2001
Machen Sie den Mitarbeiter zum "Bürger im Unternehmen"?
Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Schlicht
Für kleine und mittlere Betriebe im Handwerk kann schon der Ausfall eines einzigen Mitarbeiters erhebliche betriebswirtschaftliche Folgen haben. Trotz des allgemeinen Trends zur Technisierung des Arbeitsalltags, sind Handwerker nach wie vor hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Was können Betriebsinhaber und Mitarbeiter also tun, um möglichen Fehl- und Krankheitszeiten entgegenzuwirken?

Die Mitgliederzeitschrift der Innungskrankenkasse Baden-Württemberg IKK Profil sprach mit Prof. Dr. Wolfgang Schlicht, Sozialwissenschaftler und Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Stuttgart. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung.
Herr Schlicht, wann macht Arbeit krank?
Wolfgang Schlicht: Kurz gesagt kann Arbeit natürlich krank machen, wenn Arbeitnehmer Gefahrstoffen oder gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Zu einem erheblichen Anteil lösen jedoch auch psychosoziale Faktoren Erkrankungen bei den Arbeitnehmern aus. Damit meine ich Faktoren, wie die Arbeitsplatzgestaltung, betriebliche und organisatorische Abläufe oder das Betriebsklima. Die Probleme liegen dabei häufig in der Organisation der Arbeit, beispielsweise, wenn an die Mitarbeiter hohe Anforderungen gestellt werden, die Mitarbeiter jedoch nur wenig Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeit nehmen können.
Das klingt sehr theoretisch, können Sie ein Beispiel nennen?
Wolfgang Schlicht: Auf einer Baustelle herrscht in der Regel ein immenser Zeitdruck. Die Arbeit der verschiedenen Handwerker muss optimal aufeinander abgestimmt sein. Angenommen, Sie als Betriebsinhaber schicken Ihre Elektriker zur Baustelle und geben jedem einzelnen genau vor, wann er wo, welche Arbeiten und Handgriffe bis wann erledigen muss. Auch der Mitarbeiter steht unter einem enormen Druck und hat nun gleichzeitig keine Möglichkeit, Einfluss auf die Organisation seiner Arbeit zu nehmen, da Sie alles genau vorgegeben haben.
Die Arbeit muss getan werden, also welche Alternative hätte ich?
Wolfgang Schlicht: Machen Sie Ihre Mitarbeiter zu Bürgern in Ihrem Unternehmen. Damit meine ich: Verlangen Sie nicht Gehorsam, sondern fördern Sie die Mitarbeiterzufriedenheit und die Begeisterung für die Arbeit. Formulieren Sie ein Projekt, indem Sie Ihren Mitarbeitern den Zeitrahmen, das Ziel der Arbeit und Ihre Kosten-Nutzen-Überlegungen vorgeben. Die Ausgestaltung des Projekts aber überlassen Sie den Mitarbeitern. Lassen Sie sich regelmäßig über den Fortgang der Arbeit unterrichten und schalten Sie sich dann ein, wenn die Arbeit nicht läuft.
Das scheint aber leichter gesagt als getan.
Wolfgang Schlicht: Das ist sicherlich richtig, denn eine solche Vorgehensweise erfordert Vertrauen. Und Vertrauen muss aufgebaut und erarbeitet werden. Doch wenn Sie Ihre Mitarbeiter zum Bürger im Unternehmen machen, erfahren diese ihre Zufriedenheit nicht allein aus dem Lohn, sondern vor allem aus der Arbeit selbst. Und zufriedene Mitarbeiter sind gesündere und leistungsfähigere Mitarbeiter.




