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"Geht doch lieber raus und jagt echte Büffel!"
Konträre Positionen zur Zukunft 2.0
Eigentlich ist das so gedacht: Auf dem Podium des Zukunftsforums der Handwerkskammer diskutieren zwei oder drei Gäste miteinander über ein Thema über das sie geteilter Meinung sind. Deshalb sitzt zwischen ihnen eine Moderatorin - und moderiert im Interesse eines Publikums, das sich dann eine Meinung bildet. Als es im Zukunftsforum vom 18. Februar 2011 aber um die These Die Zukunft ist 2.0 ging, war alles ganz anders. Einig waren sich die beiden prominenten Diskutanten Peter Glaser und Mario Sixtus. Die Gegenposition vertrat das Publikum. - Reload.

Bild: HwK
Nein, ein Grund sich zu ängstigen seien die neuen Medien nicht, betont Mario Sixtus. Eben hat Moderatorin Dr. Marlis Prinzing den prominenten Viel-Blogger, Grimme-Preis-Träger und ehemaligen Elektrischen Reporter danach gefragt, ob er sich eine Plattform Angst vor dem Netz vorstellen könne. Im Interesse der Zukunft holt Sixtus daraufhin ganz weit in die Vergangenheit aus und erinnert an Kulturpessimisten, die schon der Telegrafie nachsagten, sie nehme den Menschen die Fähigkeit lange Briefe zu schreiben. Und an Plato, der der geschriebenen Sprache misstraut habe, weil sie die Menschen des Vermögens beraube, lange Geschichten zu erzählen. "Und ich bin mir absolut sicher", sagt Sixtus, "dass schon bei den Urzeitmenschen so ein Hordenältester aufgestanden ist, weil einer ein Bison an die Wand gemalt hatte, und dann warnte der: 'Geht doch lieber raus und jagt echte Büffel!'"
Die Menschen haben das Büffeljagen dann doch nicht verlernt und die Büffel beinahe ausgerottet. Aber die Angst vor dem Neuen, besonders den neuen Medien sei ihnen geblieben, pointiert Online-Journalist Sixtus. "Diese Angst ist eigentlich die Angst vor Veränderungen. Die findet sich rückwirkend immer, wenn neue Kommunikationsformen, neue Kommunikationstechnologien auf den Plan kamen." Das sieht der zweite Gast des Abends nicht anders. Der österreichische Schriftsteller und Journalist Peter Glaser nennt die Sprache sein Medium und nimmt die neuen Ausdrucksmittel dankbar an, die ihm das Web 2.0 bietet. Und da ist sie, die große Barriere die Publikum und prominente Gäste an diesem Abend voneinander trennt.
Frontalbeschallung funktioniert nicht mehr
Die deutsche Sprache verarme im Internet, schallt es Glaser von einem Besucher entgegen. Ein großer Irrtum sei das, erwidert der Kolumnist der Stuttgarter Zeitung: "Die Hauptkommunikationsform im Internet ist die Sprache." SMS und Twitter hätten gerade durch ihre knappe Form eine völlig neue sprachliche Präzision angeregt. Mehr noch: "Was sich in den letzten Jahren verändert hat, das ist, dass nicht mehr die Bilder und Texte wichtig sind, sondern die Menschen." Anders als noch in den siebziger Jahren starrten die heute nicht mehr träge auf den Fernseher, sondern kommunizierten in neuen Formen und auf neuen Wegen viel mehr miteinander als in der Zeit vor dem Internet.
Moderatorin Prinzing will da nicht widersprechen, wohl aber genauer wissen, was denn ein Handwerksbetrieb davon haben könne, dass es diese neuen Kanäle gebe. Mario Sixtus muss nicht lange überlegen: "Leute" - und damit meint er Kunden - "haben schon immer über Produkte und Dienstleistungen geredet. Das Neue ist, dass Unternehmer jetzt auf Facebook oder sonstwo erfahren könnten, was die Leute denken, wenn sie es denn wollten!" Aber das Zuhören liege den wenigsten von ihnen. "Hundert Jahre lang haben sie 'Kauft mein tolles Produkt!' aus ihren Lautsprechern gebrüllt", ohne hören zu können, ob die Kunden dieses Produkt wirklich wollten. Jetzt könnten sie im Web 2.0 den Rückkanal finden - und ignorierten ihn. Das sieht Peter Glaser nicht anders: "Diese Frontalbeschallung funktioniert nicht mehr, weil es einfach zurückschallt." Stattdessen empfiehlt er Mut zum Experimentieren: "Ich würde einem kleinen Unternehmen empfehlen zu sagen, Teil meines Plans ist die Planlosigkeit. Ich schau mich um ohne zu sagen, wie der nächste Schritt aussieht."
Vom Häuschen zum Marterpfahl
Im Publikum bleiben die Vorbehalte groß. Eine Besucherin warnt vor Wikileaks-Szenarien in mittelständischen Unternehmen, ein anderer Zuhörer fürchtet, sich im Internet nicht vor übler Nachrede schützen zu können, während ihm die klassische Presse noch immer das Recht auf Gegendarstellung eingeräumt habe. Mario Sixtus versucht es so: "Was man nicht unterschätzen darf, ist die Kompetenz derjenigen, die viel im Netz unterwegs sind. Anders ausgedrückt: Warum sollte ich jemandem glauben, der etwas Böses über Sie sagt?" Das Unwohlsein des Publikums mag sich nicht verflüchtigen, doch Peter Glaser berichtet von einem Indiz das belege, dass unser Umgang mit Kommunitionsmitteln und -techniken immer offener werde: Da führt er den Wandel der öffentlichen Telefone ins Rennen. Die haben sich, sagt Glaser in den letzten Jahrzehnten vom geschlossenen Häuschen zum ungeschützten "Kommunikationsmarterpfahl" gewandelt, und die Handys hätten den Trend der Offenheit noch verstärkt.
Ein Teil des Publikums macht bei diesem Trend mit. Die Handwerkskammer hat neben der Bühne eine Twitterwall errichtet. Wer mag, kann über Twitter jederzeit seine Kommentare zum Verlauf des Abends abschicken, dann werden sie dort sichtbar. "Keine Angst vorm Netz. Einfach selber nutzen und ausprobieren," twittert da ein Teilnehmer. Und ein anderer: "Information will frei sein. Aber das ist nicht neu. Nur einfacher geworden durch Digitalisierung." Wieder ein anderer vermittelt: "Man sollte mit dem Internet ein bisschen gelassener umgehen." Nachzulesen ist das alles noch immer auf Twitter, wenn man dort nach #zufo sucht.
Es gab zwei klar geschiedene Lager von 2.0-Befürwortern und 2.0-Skeptikern auf diesem Zukunftsforum der Handwerkskammer Region Stuttgart. Die vielleicht bemerkenswerteste Feststellung des Abends hatte Peter Glaser formuliert, und auf die hätten sich beide Seite berufen können: "Menschen interessieren sich nicht für Maschinen. Menschen interessieren sich für Menschen."




