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Beratung und Service

Chefsache Familienfreundlichkeit

Viel Organisationstalent und kreative Ideen gefragt

Einen Betrieb führen und sich um die eigenen Kinder kümmern: Eine Stuckateurmeisterin und ein Dachdeckermeister leben dieses Modell. Sie gewähren einen Einblick in ihren beruflichen Alltag.

Symbolbild Auszeit
Bild: HwK

Bereits um 5.30 Uhr morgens sind die Büroräume des Stuckateurbetriebes Besemer in Kohlberg im Landkreis Esslingen erhellt. Der Arbeitstag von Christina Besemer beginnt. Sie leitet gemeinsam mit ihrer Schwester den Betrieb und nutzt die Zeit, wenn die Kinder noch schlafen. Ihr Mann bringt die beiden später zur Ersatzoma und den Kindergarten. Dass dieser erst Kinder ab drei Jahren aufnimmt und nur vormittags und von 14.00 bis 16.00 Uhr geöffnet hat, war nach der Geburt des ersten Kindes ein großes Problem, da keine Großeltern am Ort wohnen. "Der Betrieb musste weiterlaufen, eine Babypause konnte und wollte ich mir nicht leisten."

So musste die Mutter am Anfang viel improvisieren. "In den ersten Wochen und Monaten habe ich mein Baby zur Arbeit mitgenommen, mal sprang meine Schwester, Freunde und andere Familienangehörige ein. Schließlich bot mir eine Ersatzoma regelmäßiges Kinderhüten an." Um die Lücke im Betreuungsangebot von Kohlberg zu schließen, wurde Christina Besemer selbst aktiv und konnte mit dem Tageselternverein und der Gemeinde eine Kleinkindergruppe ins Leben rufen.

Jeder hat seinen Part

Dennoch würde der frühzeitige Start in den Tag nicht funktionieren, wenn Christina Besemers Ehemann nicht mithelfen würde. "Auch er ist selbstständig", erzählt die Stuckateurmeisterin. "Während er abends länger arbeitet, fängt er dafür morgens später an, macht die Kinder fertig und bringt sie in den Kindergarten sowie zur Ersatzoma."

Ein regelmäßiger Wochenablauf  erleichtert die Organisation. Ein Termin ist täglich immer fix: "Zur Mittagszeit treffen sich alle zum gemeinsamen Essen im Betrieb. Auf diese Weise integrieren wir die gesamte Familie in den beruflichen Alltag. Unerledigtes und Sorgen werden am Arbeitsplatz zurückgelassen. "Meine Freizeit gehört den Kindern, und diese Aufmerksamkeit fordern sie bedingungslos ein."

Auch Peter Moths, Betriebleiter bei Adolf Schicht Dachdeckerbetrieb in Nürtingen ist es wichtig, sich ganz auf seine Kinder zu konzentrieren, wenn er mit ihnen zusammen ist. Da seine Frau und er die Kinder bestmöglichst fördern wollen, stehen für die eineinhalbjährige Tochter und den dreijährigen Sohn unterschiedliche Aktivitäten im Wochenplan. "Der eine geht mit der Tochter zum Kinderturnen und der andere mit dem Sohn zur Spielgruppe."

Diese Auszeiten vom betrieblichen Alltag nimmt sich der Vater bewusst und auch während des Tages. Dann ist der Betriebsleiter eben zwei Stunden weg: Was er genießt, ist, dass er die Kinder jederzeit mit ins Büro nehmen kann. Da freuen sich die Großeltern, die noch im Betrieb aktiv sind und die Sekretärin, die selbst Oma ist.

Aktive Vaterrolle

Dass Peter Moths die Rolle des aktiven Vaters von Geburt des ersten Kindes an eingenommen hat, darüber schütteln viele – "leider vor allem andere Männer" – den Kopf. Warum er sich so viel um seine Kinder kümmert, statt an seiner Karriere zu arbeiten? Der Nürtinger steht zu seiner Entscheidung: "Die Zeit mit meinen Kindern ist unendlich wertvoll."

Nach seinem Studium der Werkstoffwissenschaften und einem kurzen Ausflug in die Forschung – Teilzeit, denn der Dachdeckermeister hat im Betrieb immer mitgeholfen – hat er sich nach der Geburt des Sohnes aufs Unternehmer- und Vatersein konzentriert. Auf eine Karriere in der Forschung hat er damit verzichtet.

In seiner jetzigen Position ist er selbst Herr über seine Zeit. Ob Abrechnungen, Angebote einholen oder was sonst alles anfällt – er kann sich seine Arbeit einteilen. Profitiert von den Vaterqualitäten, die er in den letzten Jahren entwickelt hat im Job? Eindeutig ja. Dem 40-Jährigen fällt auf, dass er gelassener geworden ist und effektiver arbeitet. Schließlich ist er geübt, viele Dinge zu organisieren und alles unter einen Hut zu kriegen. Das kommt ihm als Chef zugute.

Erwartungen und Realität

Ob Vater oder Mutter – was wünschen sich die Unternehmer von den politisch Verantwortlichen? Christina Besemer ist überzeugt, dass sich die Regierung mehr an den skandinavischen Ländern orientieren und die Betreuung von Kindern unter drei Jahren ausbauen sollte. "Warum ist der Besuch des Kindergartens nicht überall in Deutschland kostenlos?" fragt sich Peter Moths. "Das wäre ein guter Schritt."

Das eine sind die Rahmenbedingungen, das andere die betriebliche Realität. Viele Arbeitgeber wollen die Wünsche ihrer Mitarbeiter nach Teilzeitstellen oder flexiblen Arbeitszeiten gerecht werden, aber nicht immer ist das möglich. Christina Besemers Schwester, Petra Hauser-Besemer, sagt: "Wir können als Stuckateurbetrieb nur in bedingtem Maße familienfreundlich agieren."

Das Unternehmen des Frauenduos umfasst acht Gesellen und einen Azubi. "Gleitzeit können wir beispielsweise nicht einführen, denn um 7.00 Uhr fahren die einzelnen Arbeitsgruppen gemeinsam vom Lager auf die Baustelle. Da viel im Team gearbeitet wird, kann nicht jeder kommen, wann er möchte. Trotzdem steht bei uns der Mensch im Vordergrund. Unsere Mitarbeiter haben trotz Hochsaison im Sommer die Möglichkeit in den Ferien Urlaub zu nehmen und auch bei Terminen mit den Kindern drücken wir ein Auge zu. Wir versuchen immer, das jeweilige Problem unserer Angestellten zu lösen."

Erfahrungsberichte aus Unternehmen

Aus der Praxis für die Praxis (pdf-Dokument, 471 KB)

Familienfreundliche Maßnahmen im Handwerk (pdf-Dokument, 1,70 MB)


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