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Beratung und Service

Betriebspraxis Familienfreundlichkeit

Beweglich sind nicht nur die Großen

Eine Buchbindermeisterin aus Stuttgart und ein Malermeister aus Esslingen haben in ihren Betrieben Wege gefunden, ihre Beschäftigten im Unternehmen zu halten, ohne dass deren Familienleben unter dem beruflichen Engagement leiden müsste. Zusätzlicher Aufwand scheint sich damit nicht zu verbinden.

Symbolbild: Betriebspraxis
Bild: Peter Scheerer

"Ich kann mich in Mütter viel besser hineinversetzen, seit Paul auf der Welt ist. Nun bin ich darauf angewiesen, dass meine Mitarbeiterinnen mich vertreten, während ich meinen Sohn von der Tagesmutter abhole", weiß Meike Lehmann, Buchbindermeisterin und Chefin von sechs Mitarbeiterinnen. Seit ihr Sohn sechs Wochen alt ist, ist die Stuttgarter Unternehmerin wieder täglich im Betrieb. Auch zwei ihrer Gesellinnen arbeiten in Teilzeit, was bisher immer gut geklappt hat. Dabei tauschen die Buchbinderinnen Dienste, können kurzfristig einen Tag frei nehmen, sind aber im Gegenzug immer bereit, mehr zu arbeiten, wenn wichtige Aufträge anstehen. Darauf kommt es der Unternehmerin an. Dass die Motivation stimmt, alle offen miteinander reden und sich jede auf die andere verlassen kann. "Wir kennen uns alle gut und springen für einander ein. Der Ausgleich kommt von ganz alleine."

Erfolgreiche Partnerschaft

Dass sich flexible Teilzeitmodelle für Unternehmer lohnen, bestätigt Malermeister Wolfgang Scharpf aus Esslingen. Von seinen acht Mitarbeitern sind sowohl Männer als auch Frauen in Teilzeit beschäftigt. Ein alleinerziehender Vater ist ebenfalls dabei. Er fängt morgens erst um 8:30 Uhr statt wie die anderen um 7:00 Uhr an, weil er seine Tochter davor in den Kindergarten bringt. Kein Problem für den Chef, der den Mitarbeiter sehr schätzt. "Es ist schwierig, jemanden zu finden, der sofort in den Betrieb passt. Deshalb halte ich an meinem eingespielten Team fest." Die Handwerker belohnen die familienfreundlichen Regelungen mit großem Arbeitseinsatz und ihrer Treue zum Unternehmen.

Meike Lehmann verzichtet nur ungern lange auf Mitarbeiterinnen. "In kleinen Betrieben wie meinem können Stellen nicht ein, zwei oder sogar drei Jahre freigehalten werden. Ich müsste viel Zeit investieren, um eine neue Kraft einzuarbeiten, die dann kurze Zeit später wieder von der Rückkehrerin abgelöst werden würde." Deshalb würde Meike Lehmann auf die werdende Mutter zugehen, um mit ihr zu besprechen, wie sie sich die Weiterbeschäftigung konkret vorstellt. Das rät sie auch anderen Chefs. Meike Lehmann ist fest davon überzeugt: "Wenn ich mit einer Mitarbeiterin den Wiedereinstieg schrittweise plane, nehme ich ihr die Unsicherheit und sie kommt schneller wieder." Das Hauptproblem sieht die Unternehmerin allerdings in den fehlenden Betreuungsplätzen, vor allem für Kinder unter drei Jahren. "Ich erlebe es ja selbst. In Stuttgart ist es schwierig mit Krippen- und Kitaplätzen. Qualifizierte Frauen würden oft früher in den Beruf zurückkehren, wenn sie die Möglichkeit hätten, ihre Kinder gut unterzubringen", beklagt Lehmann.

Not macht erfinderisch

Drei Tage verbringt Paul bei einer Tagesmutter, zwei Tage die Woche bringt Meike Lehmann ihren Sohn einfach mit in die Werkstatt. Da trägt schon mal eine ihrer Mitarbeiterinnen den Kleinen durch die Gegend oder gibt das Fläschchen. Sie überlegt sogar - falls weitere Mitarbeiterinnen Nachwuchs bekommen - eine Tagesmutter in den Betrieb zu holen.

Wie Chefs Mitarbeitern mit Familie den Rücken stärken (können), dafür gibt es kein Patentrezept, aber viele Möglichkeiten. Die Palette reicht von finanziellen Anreizen wie dem Kinderbetreuungszuschuss, der für den Arbeitgeber sozialversicherungsfrei und für den Arbeitnehmer dazu noch steuerfrei ist, über Spielzimmer, Kinderferienbetreuung, bis hin zur Lebensarbeitszeit.

Was sich jedoch generell ändern muss, ist die Einstellung gegenüber Eltern und pflegenden Angehörigen, darin sind sich die beiden Betriebsinhaber einig.

"Handwerksunternehmer müssen auf die Wünsche der Mitarbeiter eingehen und flexibler werden", findet Scharpf. "Es kann doch nicht sein, dass es große Betriebe hinkriegen und wir im Handwerk nicht." Auf ihrem Weg zum familienfreundlichen Betrieb begegnen den Unternehmern viele mit Kopfschütteln. Ein Bankberater riet Wolfgang Scharpf unbefragt, keine weiteren Teilzeitkräfte einzustellen. Das rechne sich für das Unternehmen nicht. Die Fakten sprechen eine andere Sprache - das Betriebsergebnis ist gut.

Vorurteile halten sich hartnäckig. Das bekommt auch Meike Lehmann immer wieder zu spüren. Halb vorwurfsvoll, halb bewundernd wird sie öfters gefragt, wie das denn gehe, Unternehmerin zu sein und ein kleines Kind zu versorgen. Doch weder den Schuh der Rabenmutter noch den der Superfrau zieht sie sich an. "Natürlich ist das alles nicht leicht. Es ist oft ein Kraftakt. Aber ich stehe meine Frau - ich bin Mutter und Unternehmerin. Beides aus Leidenschaft."

 

Buchbinderei Meike Lehmann

Maler Scharpf - Der Renovierer


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