Weiterbildung
Kommunikationstraining für AusbilderInnen
"Geht einfach hin!"
Suchen Sie den Fehler in folgender Aussage: Eine Dachdeckerin und ihre Kolleginnen beraten einen Kunden. Richtig, eine Dachdeckerin pro Betrieb ist schon eine Seltenheit. Dass gleich mehrere Frauen in einem technischen Beruf zusammenarbeiten, kommt so gut wie nie vor. Frauen sind in gewerblich-technischen Berufen noch immer in der Minderheit. Besonders schwer ist dieser Zustand oft für Azubinen. Ein Kommunikatiostrainng kann AusbilderInnen helfen, den richtigen Umgang mit weiblichen Auszubildenden zu trainieren.

Bild: HwK
Am 18. und 19. Mai führt die Beratungsstelle Frau und Beruf für Stadt und Landkreis Ludwigsburg im Auftrag der Landesstiftung Baden-Württemberg einen Workshop durch, der AusbilderInnen, Personalverantwortliche und BerufsschullehrerInnen für die richtigen Umgangs- und Kommunikationsformen mit Azubinen sensibilisieren soll.
"Andere mögen ja ein Problem mit ihren weiblichen Azubis haben und sie anders behandeln als ihre männlichen Kollegen, aber ich nicht." - So sieht meist die erste Reaktion von Ausbildern auf das Projekt der Landesstiftung Baden-Württemberg "Wir machen Azubinen STARK" aus, das sich dem Thema Gleichberechtigung von Mädchen in frauen-untypischen Berufen widmet. Doch dass geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz oft aus Unwissen oder Ignoranz heraus resultiert und nicht auf einer böswilligen Absicht des Ausbilders beruht, ist den wenigsten bewusst.
Workshop "Gemeinsam STARK" schult AusbilderInnen
Ungeschickte Formulierungen können verletzen
"Dass sich Mädchen während ihrer Ausbildung falsch verstanden, nicht akzeptiert oder gar diskriminiert fühlen, kann beispielsweise an einem ungeschickt formulierten Feedback, falscher Kompetenzeinschätzung oder einem unangebrachten Scherz liegen", weiß Birgit Opielka, Projektbegleitung bei der Beratungsstelle Frau und Beruf. Ihr ist es unbegreiflich, dass viele Ausbilder und Berufsschullehrer nicht erkennen, dass sich ihre Azubinen nicht wohl fühlen oder benachteiligt werden. In Seminaren und bei persönlichen Gesprächen trifft sie ständig auf junge Frauen, die genau diese Erfahrungen gemacht haben.
"Frauen gehören hinter den Herd!"
Eine von ihnen ist Natalie M. (Name von der Redaktion geändert). Während ihrer Schreinerausbildung war sie die einzige Frau im Betrieb und hatte dadurch keinen leichten Stand: "Auf Montage musste ich mir einmal von einem Gipser sagen lassen, dass ich als Frau doch viel eher hinter den Herd gehöre als auf eine Baustelle", erzählt Natalie. Obwohl sie in der Berufsschule Klassenbeste war, wurde ihr im Betrieb nicht viel zugetraut. "In der Werkstatt durfte ich nur wenig mithelfen und wenn, dann musste ich immer mit veralteten Techniken arbeiten." Eine Vermutung, woran es gelegen haben könnte, hat sie: "Ich habe viele Fragen gestellt. Nicht, weil ich die Produktionsschritte nicht verstanden hätte, sondern um sicher zu gehen." Bei ihrem Ausbilder kamen ihre Fragen aber oft nicht gut an: Schnell erhielt er ein falsches Bild von ihren Fähigkeiten und ihrer Eignung für den Beruf. Natalie vermutet, dass ihre männlichen Azubi-Vorgänger weniger nachgefragt und trotz Unsicherheiten munter drauflos gearbeitet haben.
Männer und Frauen kommunizieren anders
Dass Männer und Frauen anders kommunizieren, weiß Birgit Opielka schon lange: "Mädchen sind oft sehr perfektionistisch veranlagt und wollen alles sofort richtig machen. Wenn der Meister sich dann in abfälligem Ton über das Endprodukt äußert, trifft sie das schwer." Auch Natalie war während ihrer Ausbildung oft irritiert über die Kommunikation zwischen ihr, ihrem Ausbilder und dem Betriebsinhaber. "Gelobt wurde ich praktisch nie. Deshalb fällt es mir bis heute schwer, meine Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Was ich mir gewünscht hätte, wären offene Feedback-Gespräche gewesen."
Auf Frauen kann kein Betrieb verzichten
Weibliche Azubis während der Ausbildung zu verlieren, weil die Kommunikation nicht stimmte, oder sie erst gar nicht einzustellen, weil sie "nicht reinpassen", kann sich kein Betrieb auf Dauer leisten - schon gar nicht im Hinblick auf die demografische Entwicklung und den drohenden Fachkräftemangel. Doch eine Frau im Team zu haben, bringt noch ganz andere Vorteile mit sich. Natalie wird beispielsweise häufiger als ihre männlichen Kollegen von Kunden angesprochen. "Gerade Frauen stellen mir viele Fragen. Vielleicht trauen sie sich bei einer Handwerkerin eher und haben keine Angst, sich zu blamieren", mutmaßt sie. Außerdem ist sie überzeugt, dass die meisten Handwerkerinnen sehr verantwortungsvoll und gewissenhaft arbeiten. "Fragen zu stellen, wenn man bei einem Arbeitsschritt unsicher ist, hat auch seine Vorteile", sagt die junge Gesellin mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen.
Für Ausbilder und alle, die es werden wollen
Eine der einfachsten und effektivsten Möglichkeiten, um die Zusammenarbeit mit Azubinen von Anfang an professionell zu gestalten, ist die Teilnahme an dem Workshop "Gemeinsam STARK - good practice im Umgang mit weiblichen Auszubildenden in gewerblich-technischen Berufen". Er ist ein Qualifizierungsbaustein im Rahmen des Projekts "Wir machen Azubinen STARK", das Teil des Programms "Chancen=Gleichheit. Gleiche Chancen für Frauen und Männer" der Landesstiftung Baden-Württemberg ist. Opielka: "Das Training schult die Wahrnehmung männlicher und weiblicher Ausbilder und Lehrer gleichermaßen. Sie lernen hinzusehen, wenn sich die Situation im Betrieb durch eine weibliche Auszubildende ändert. Sie erfahren, welche unbewussten Vorurteile sie haben und was zu tun ist, um sich von ihnen nicht im Ausbildungsalltag leiten zu lassen."
Natalie ist sich sicher, dass auch ihr Ausbilder von der Teilnahme an solch einem Workshop profitiert hätte. "Ihm war ja aber gar nicht bewusst, dass etwas schief läuft und dass er sich schulen lassen sollte", seufzt sie. Auf die Frage, was sie Ausbildern und Berufsschullehrern sagen würde, damit sie an dem Workshop teilnehmen, weiß sie nur eine Antwort: "Geht einfach hin! Auch wenn ihr denkt, es betrifft euch gar nicht. Das tut es nämlich doch."




