Historische Aufnahme des Kammergebäudes in der Kriegsbergstraße 26 in Stuttgart, zwischen 1936 und 1944
HWK
Historische Aufnahme des Kammergebäudes in der Kriegsbergstraße 26 in Stuttgart, zwischen 1936 und 1944

Die bewegte Geschichte des Handwerks und der Stuttgarter Handwerkskammer

Die Jahre 1899 bis 1901 markieren mit der Gründung der Handwerkskammern den Anfang der modernen Selbstverwaltung im deutschen Handwerk. Vorangegangen war ein zähes Ringen um die Interessen des Handwerks, die seit dem 18. Jahrhundert immer mehr ins Abseits gedrängt worden waren. Hier erfahren Sie alles zur bewegten Geschichte der Stuttgarter Handwerkskammer.

Von Zünften über Gewerbefreiheit

Traditionell hatten sich in früheren Jahrhunderten die Zünfte um das Handwerk gekümmert, die Qualität der Dienstleistungen überwacht und ihren Mitgliedern Unterstützung gewährt. Die absolutistischen Staatswesen des 18. Jahrhunderts hegten jedoch wenige Sympathien für die Zünfte. So kam es im Jahr 1862 zur Aufhebung aller Zünfte und es galt die völlige Gewerbefreiheit: Wer ein Handwerk zu beherrschen glaubte, durfte es ausüben. Somit sank das Ansehen der handwerklichen Berufe, zumal die industrielle Revolution die Berufswelt gründlich umkrempelte. Wer jetzt ein Gewerbe gründete, nannte sich am liebsten "Fabrikant". Das Handwerk blutete aus.

Im Jahr 1897 wendete sich das Blatt. Eine Novelle der Gewerbeordnung ging als "Handwerkerschutzgesetz" in die Geschichte ein, schuf die Grundlage für eine Qualitätskontrolle im Handwerk durch eine Regelung des Lehrlings- und Gesellenwesens und den Schutz des Meistertitels. Und: Das neue Gesetz protegierte die Innungen und sah den Aufbau von Handwerkskammern vor.



Startschuss im Jahr 1900

Die Geschichte der Stuttgarter Handwerkskammer begann am 3. Dezember 1900 um 11 Uhr. Im Gebäude des Landesgewerbemuseums Württemberg - heute bekannt als Haus der Wirtschaft - hatte sich die Gründungsversammlung zusammen gefunden, um einen Vorstand für die neue Kammer zu bilden. Auf die Wahl dieses Vorstands konnten sich die Teilnehmer einigen, ebenso auf einen ersten Kammerpräsidenten, den Buchbindermeister Eugen Rothenhöfer. Ihr zeittypisches Hoch auf den König verhallte am Ende der Veranstaltung allerdings ohne, dass es auch zur Wahl eines Hauptgeschäftsführers gekommen wäre. Der hieß seinerzeit noch "Sekretär", doch die Gründungsversammlung war sich uneins darüber, welches Gehalt einem solchen Sekretär wohl zustünde. So ließ man die Position noch bis April 1901 vakant. Von da an begleitete sie Dr. Friedrich Schaible bis Juli 1905.

Die Schwäbische Kronik vom 4. Dezember 1900 teilt mit, dass tags zuvor die Handwerkskammer Stuttgart eingesetzt wurde.
Die Schwäbische Kronik vom 4. Dezember 1900 teilt mit, dass tags zuvor die Handwerkskammer Stuttgart eingesetzt wurde.



Nicht nur im Auftrag des Staates

Unter dem strengen Auge der bis 1929 unumgänglichen Regierungskommissare erfüllte die Stuttgarter Kammer ihre gesetzlichen Aufgaben:

  • das Regeln und Überwachen des Lehrlingswesens,
  • die Förderung und Vertretung des Handwerks,
  • das Einsetzen von Ausschüssen zur Gesellenprüfung.

Dass die Handwerkskammer Stuttgart mehr sein wollte, als nur der verlängerte Arm des Staates, belegt die rasche Folge, in der freiwillige Dienstleistungen etabliert werden konnten. Schon 1906 gab es eine Rechtsberatungsstelle zur Unterstützung der Mitglieder. Betrieben wurde sie gemeinsam mit der IHK.

Ab 1908 stieg die Zahl der Meisterprüfungen drastisch an, da der "Kleine Befähigungsnachweis" eingeführt wurde, der nur noch Meistern die Ausbildung von Lehrlingen gestattete.



Die Folgen des Ersten Weltkriegs

Leichter zu vermitteln waren die weiteren freiwilligen Dienstleistungen, die den Betrieben die oft schweren Zeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erträglicher machten. Im verfrühten Siegestaumel liefen 1914 Scharen junger Männer auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, von denen viele von ihnen nicht mehr zurückkehren sollten. Damit die wenigen im Betrieb verbliebenen Handwerker in jener Zeit der Material- und Personalknappheit leichter an öffentliche Aufträge und an Material gelangen konnten, führte die Kammer 1914 ein Verdingungsamt ein, das ab 1919 in eine Wirtschaftsstelle überführt wurde.



Die Handwerksrolle

Mit dem 11. Februar 1929 bekam die Handwerkskammer ein Instrument, mit dem sich zweifelsfrei belegen ließ, wer Handwerker ist und wer nicht: die Handwerksrolle. Mit dem Eintrag in dieses Verzeichnis erhielten selbstständige Handwerker gleichzeitig auch das Recht, an der direkten Wahl der Vollversammlung teilzunehmen - einer weiteren Neuerung jener Gesetzesnovelle, die die Handwerksrolle hervorbrachte.



Gleichschaltung während der NS-Zeit

Vier Jahre später wählten die Deutschen Adolf Hitler zu ihrem Reichskanzler. Die Nationalsozialisten fanden Mittel und Wege, alle öffentlichen Einrichtungen in kürzester Zeit auf ihre Linie zu bringen. Die Gleichschaltung des Handwerks ging in Windeseile vonstatten, begann im März 1933 und war im Juni vollzogen. Die Handwerkskammer Stuttgart glänzte seinerzeit keineswegs durch ideologische Enthaltsamkeit. Aufmärsche und öffentliche Gelöbnisse standen auf der Tagesordnung. Die Begriffe Deutschtum, Stärke und Handwerk wurden im Jargon arischer Rassenlehren verwendet.



Der Große Befähigungsnachweis

Der "Große Befähigungsnachweis" wurde 1935, während des Nationalsozialismus, eingeführt. Von nun an durften Meister ihre Lehrlinge nur noch in dem Gewerk ausbilden, in dem sie selbst ihren Meister erworben hatten. Zugleich wurde der Meisterbrief Voraussetzung für die Eintragung in die Handwerksrolle, die seit Januar 1936 die neuen Handwerkskarten verbrieften. All diese Maßnahmen werteten die Qualität des Handwerks spürbar auf. Das NS-System machten sie freilich nicht besser.



Die Gauwirtschaftskammer

Glück oder Verhängnis: Am 1. Januar 1943 hörte die Handwerkskammer Stuttgart formal zu existieren auf. Denn nach einer Reichsverordnung vom Juli 1942 wurde sie mit der Industrie- und Handelskammer zur Gauwirtschaftskammer vereinigt. Die Spuren aus dieser Zeit der Kammergeschichte sind dürftig und verlieren sich größtenteils im Bombenhagel des 12. Septembers 1944, der das Kammergebäude in der Stuttgarter Kriegsbergstraße in Schutt und Asche legte.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts präsentierte sich das Handwerk durchgängig mit diesem Emblem: Ein Hammer symbolisierte jede Art von Handwerkszeug und damit den Wirtschaftszweig Handwerk. Eichel und Eichenlaub spezifizierten dies zum deutschen Handwerk. Der umlaufende Ring stand für das Streben nach (göttlicher) Vollkommenheit. Einige der heutigen Handwerksorganisationen verwenden dieses Emblem noch immer.
HWK
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts präsentierte sich das Handwerk durchgängig mit diesem Emblem: Ein Hammer symbolisierte jede Art von Handwerkszeug und damit den Wirtschaftszweig Handwerk. Eichel und Eichenlaub spezifizierten dies zum deutschen Handwerk. Der umlaufende Ring stand für das Streben nach (göttlicher) Vollkommenheit. Einige der heutigen Handwerksorganisationen verwenden dieses Emblem noch immer.



Neubeginn mit Schwierigkeiten

Nach Kriegsende war der Neuanfang im besetzten Stuttgart nicht leicht. 1945 wurde ein kleinerer Teil des Stadtgebiets französisch, ein größerer amerikanisch besetzt. Für die Amerikaner war völlige Gewerbefreiheit eine selbstverständliche Grundlage der Wirtschaft; die Notwendigkeit eines Kammersystems war ihnen nicht zu vermitteln. Heimlich, still und leise hatte Oberbürgermeister Arnulf Klett 1945 Oberingenieur Alfred Hörle den Auftrag gegeben, die Handwerkskammer neu aufzubauen. Doch 1948 setzte die amerikanische Besatzungsmacht die völlige Gewerbefreiheit durch, die im Januar 1949 ausdrücklich für Württemberg bestätigt wurde.

Die Handwerkskammer durfte nur noch auf der Basis einer freiwilligen Mitgliedschaft bestehen und keine öffentlichen Aufgaben mehr wahrnehmen. Mit dieser Zurückweisung des Kammersystems wurde auch der Meisterbrief außer Kraft gesetzt, denn die US-Militärregierung widerrief alle Gesetze, die auf eine Reglementierung des Wirtschaftslebens zielten.



Die Handwerksordnung

Besorgt um die Qualität handwerklicher Leistungen protestierten führende Politiker aller Parteien gegen das neue Dogma. Klare Verhältnisse schaffte aber erst die Handwerksordnung von 1953. Sie legitimierte Handwerkskammern, Kreishandwerkerschaften und Innungen als Körperschaften des öffentlichen Rechts und verankerte auch den Großen Befähigungsnachweis wieder. Das Handwerk hatte sein System der Selbstverwaltung in die junge Bundesrepublik gerettet.



Unter eigenem Dach

1960 endete das Nomadendasein der Handwerkskammer, das deren Mitarbeiter in den ersten fünf Jahrzehnten durch neun verschiedene Dienstsitze geführt hatte.

Am 26. Januar 1962 bezog die Handwerkskammer ihr Gebäude in der Heilbronner Straße 43 in Stuttgart, wo sie auch heute noch ihren Sitz hat. Ein Sitz, von dem aus die Kammer sich vielseitig und zeitgemäß engagiert. Seit 1963 unterhält sie auch eine fruchtbare Partnerschaft mit der in Straßburg ansässigen Chambre de Métiers d’Alsace.

Das Äußere des Kammergebäudes hat sein Gesicht im Laufe der Jahre auffällig gewandelt: In unmittelbarer Nachbarschaft des 1960 errichteten Gebäudes eröffnete am 18. November 2005 ein fünfstöckiger Neubau, der über den Veranstaltungssaal des Forums und einen großzügigen Eingangsbereich mit dem älteren Gebäudeteil verbunden ist. Letzterer wurde 2005/2006 umfassend modernisiert und um eine zusätzliche Etage von vier auf fünf Stockwerke erhöht. Im fünften Stock des Altbaus ist seit dem Umbau der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT) beheimatet.

Der Rohbau steht, das Bäumchen vom Richtfest ist noch auf dem Dach: 1960 wurde das Gebäude in der Heilbronner Straße 43 eingeweiht.
HWK
Der Rohbau steht, das Bäumchen vom Richtfest ist noch auf dem Dach: 1960 wurde das Gebäude in der Heilbronner Straße 43 eingeweiht.



Engagement in der Bildungspolitik

Zum zukunftsweisenden Gesamtkonzept der Kammerarbeit gehörte seit den sechziger Jahren ihr Engagement für die Bildungspolitik. Seit 1965 reiften Pläne für eine Akademie des Handwerks, die die Kammer Stuttgart seit 1971 als damals erste Einrichtung ihrer Art unterhält. Seit 1978 unter der Bezeichnung Landesakademie des Handwerks bekannt, gedieh diese Institution zum Modellfall für die ganze Bundesrepublik. Ihren Sitz hat die Akademie seit 1987 im Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer (BTZ). Das BTZ wiederum entstand 1980 mehr oder weniger auf dem freien Feld in der Nähe des Stuttgarter Stadtteils Weilimdorf. Längst hat sich um das Gebäude in der Holderäckerstraße 37 ein eigener Ortsteil entwickelt. Den Namen Bildungsakademie Handwerkskammer Region Stuttgart trägt das frühere BTZ seit 2006.

Anfahrt-BiA
HWK



Aufbruch in ein neues Jahrtausend

Die neunziger Jahre waren eine Epoche der Umwälzungen - auch im Handwerk. Obwohl der Öffentlichkeit Veränderungen der Handwerksordnung weniger spektakulär erscheinen müssen als die rasanten Abläufe auf dem weltpolitischen Parkett. Zum 1. Januar 1994 trat eine erste, zum 1. April 1998 eine zweite Novelle der Handwerksordnung in Kraft. Beide Änderungen zielten auf ein Handwerk, das sich besser an den Belangen der Kunden orientieren kann. Die erste Novelle lockerte dafür die Abgrenzung zwischen verschiedenen Gewerken, die zweite Novelle ordnete die Berufe neu und reduzierte ihre Zahl von vorher 127 auf nur noch 94.

Im November 1995 änderte die Handwerkskammer Stuttgart ihren Namen in Handwerkskammer Region Stuttgart. Mit dieser feinen Nuancierung bekundet sie ihre Verbundenheit mit der Region, für die sie sich engagiert.

Im Zuge der vom Europäischen Parlament beschlossenen Dienstleistungsrichtlinie wurde die Handwerkskammer Region Stuttgart im Jahr 2009 zum Einheitlichen Ansprechpartner für alle Unternehmer, die in Stuttgart und seiner Umgebung einen Handwerksbetrieb eröffnen möchten. Die Kammer hat diese Funktion ihrem Starter-Center angegliedert, das allen Existenzgründern des Handwerks offensteht. So weit wie möglich nimmt es ihnen die Formalitäten ab, die in der Vergangenheit so manchen Start ins Unternehmertum unnötig erschwert haben.

Mehr als ein ganzes Jahrhundert ist vergangen, seitdem die Stuttgarter Handwerkskammer ihre Arbeit aufgenommen hat. Im Laufe der Zeit haben sich die Aufgaben der Kammer immer wieder gewandelt und den Erfordernissen der Zeit angepasst. Ihr Dienstleistungsportfolio breitet sie inzwischen auch im virtuellen Raum aus: Seit 1996 ist die Handwerkskammer im Internet aktiv, seit 2002 verschickt sie ihren Newsletter "InfoStream", 2003 eröffnete sie mit ihrer Ausbildungsplattform azubiTV eine zweite Website. Seit 2010 ist die Handwerkskammer auf Twitter und YouTube vertreten, seit 2011 auf Facebook und seit 2017 auch auf Instagram .

Geschichte-Neubau-Handwerkskammer-Region-Stuttgart
HWK