Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer, und Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich.
HandwerkspolitikPolitische Positionen entwickeln und nach außen tragen
Unsere Stabsstelle Politik engagiert sich auf allen politischen Ebenen für das Handwerk und setzt sich dafür ein, dass die Region Stuttgart ein leistungsstarker Wirtschaftsraum bleibt. Lesen Sie hier, in welchen Bereichen wir politisch aktiv sind und was sich zuletzt getan hat.
Aktuelle politische Meldungen
Die Schwerpunkte unserer politischen Arbeit
Bildung
Dass die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsbildung und die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze gleichzeitig ansteigen, zeigt überdeutlich das Defizit der Berufsorientierung während der Schulzeit. Schülerinnen und Schüler wissen zu wenig über die Berufsvielfalt, insbesondere im Handwerk. Deshalb fordern wir eine unvoreingenommene und umfassende Berufsorientierung. Konkret soll an praxisnahe Aktionstage wie den „Tag des Handwerks“, der bereits an einzelnen Schulen stattfindet, angeknüpft werden.
Arbeitsmarkt
Für das personalintensive Handwerk sind ein gut funktionierender Arbeitsmarkt, ein hinreichend flexibles Arbeitsrecht sowie passgenaue Tariflösungen von zentraler Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit und den Aufbau und die Sicherung von Arbeitsplätzen.
Handwerksbetriebe können nur mit ausreichenden Fachkräften erfolgreich sein. Dafür sind die Rahmenbedingungen für die kleinen und mittelständischen Unternehmen des Handwerks so zu setzen, dass sie die Entfaltung unternehmerischer Kreativität und Innovationskraft stärken, statt sie zu beeinträchtigen.
Auch wenn Handwerksbetriebe einen Großteil ihres Fachkräftebedarfs durch berufliche Aus- und Fortbildung decken, kann und muss seitens der Arbeitsmarktpolitik der Transformationsprozess dahingehend unterstützt werden, dass offene Arbeitsplätze möglichst zeitnah durch verfügbare Fachkräfte besetzt werden können. Es sind geeignete arbeitsmarktpolitische Instrumente zu prüfen, die den Beschäftigungsübergang von industriellen Fachkräften, die Aktivierung von Arbeitslosen und Arbeitsmarktintegration von Migranten und Geflüchteten erleichtert
Im Handwerk steigt das Interesse an der Beschäftigung ausländischer Fachkräfte. Zuwanderungen können den anwachsenden Fachkräftebedarf zumindest teilweise und dabei zugleich auch relativ zeitnah decken. Das 2023 novellierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) erleichtert den Zugang von qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten ins Handwerk.
Die beschleunigte Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, der Wegfall der Vorrangprüfung und flexible Beschäftigungsmöglichkeiten ermöglichen es kleinen und mittelständischen Betrieben, ihren Fachkräftebedarf schneller zu decken.
Die Tarifpolitik im Handwerk spielt eine wichtige Rolle, um angemessene Arbeitsbedingungen, angemessene Löhne und eine sozial ausgewogene Arbeitsmarktstruktur zu gewährleisten. In der Regel erfolgt dies in den jeweiligen Branchen über tarifvertragliche Strukturen, die die Tarifpartner in eigener Verantwortung festlegen. Die Tarifpartner bestimmen die wesentlichen Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeit, Arbeitslohn und Urlaubsbedingungen und schaffen damit die Grundlage für einen ausgewogenen Wettbewerb innerhalb der jeweiligen Branche. Politisch gesehen haben daher Tarifverträge und eine hohe Tarifbindung einen großen Stellenwert für das Handwerk.
Trotz der begrüßenswerten Intention, faire Arbeitsbedingungen zu sichern, schafft der Entwurf des Bundestariftreuegesetzes für kleine und mittlere Handwerksbetriebe neue bürokratische Hürden, die ihre Beteiligung an öffentlichen Aufträgen erschweren. Statt die Tarifbindung zu stärken, drohen die vorgesehenen Vorgaben Wettbewerber auszuschließen und die Entlastungsbemühungen des Vergabetransformationspakets zu konterkarieren.
Weitere Informationen finden Sie in der Stellungnahme des ZDH zum Tariftreuegesetz.
Bürokratieabbau
Die Rechtssicherheit und einheitliche Regelungen sind unerlässlich, um komplexe Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen zu ordnen und einen rechtsstaatlichen Umgang mit Behörden zu gewährleisten. Jedoch hat die damit verbundene bürokratische Belastung im Handwerk ein Niveau erreicht, das die Handwerksbetriebe an ihre Grenzen bringt. Gerade kleine Betriebe sind überproportional von Bürokratie betroffen. In vielen Fällen müssen sie identische Anforderungen wie Großunternehmen erfüllen, ohne auch nur annähernd vergleichbare Ressourcen zu haben. Die Vielzahl an Dokumentations- und Berichtspflichten ist dabei ein besonders großes Problem.
Weitere Informationen finden Sie auch im Maßnahmenmonitor des ZDH und in einem Positionspapier von HANDWERK BW.
Zum Bürokratieabbau gehört zwingend die Modernisierung und Digitalisierung der Verwaltung. Doch weder Bund noch Länder oder Kommunen kommen bei der Digitalisierung öffentlicher Dienste schnell genug voran. Deutschland befindet sich bei der Digitalisierung seiner öffentlichen Verwaltung weiter auf den hintersten Plätzen in Europa. Hindernisse ergeben sich zum einen aus den föderalen Strukturen und starren Verwaltungstraditionen. Zum anderen verhindert die Beauftragung öffentlicher IT-Dienstleister durch die Verwaltung Qualitätsverbesserungen und Kostensenkungen, die in einem wettbewerblichen Markt zu erwarten wären.
Die Landespolitik hat das Problem erkannt und mit der „Entlastungsallianz“ den Anspruch, den Aufwand für Unternehmen und Verwaltung wirkungsvoll zu minimieren. Bundesweit soll die im Oktober 2025 beschlossene Modernisierungsagenda für Staat und Verwaltung Entlastung bringen. Entscheidend ist, dass digitale Verwaltungsangebote einfach zugänglich, standardisiert und möglichst kostenfrei nutzbar sind. Aus Sicht des Handwerks ist es notwendig, Schwerpunktbereiche zu digitalisieren, parallel ein Umsetzungskonzept zu entwickeln, verwaltungsintern Projektmanagementkompetenzen aufzubauen, die Digitalisierung mit der Querschnittsthematik des Bürokratieabbaus zu verzahnen sowie ein Recht auf vollständige digitale Abwicklung von Verwaltungsleistungen für Unternehmen zu verankern
Infrastruktur
Mobilität
Mobilität ist für viele Handwerksbetriebe ein Schlüsselthema, ob bei der wohnortnahen Versorgung von Kundinnen und Kunden, bei Fahrten zu Serviceeinsätzen oder für den Transport von Arbeitsmaterialien. In den letzten Jahren nahmen die Belastungen für Handwerksbetriebe erheblich zu. Die Einrichtung von Fahrverboten, Ausdehnungen von Mautsystemen und die Einführung der digitalen Tachographen sind nur einige Beispiele. Das Handwerk fordert daher, dass die besonderen Erfordernisse des Handwerks bei der verkehrspolitischen Gesetzgebung auf nationaler, europäischer und kommunaler Ebene stärker berücksichtigt werden.
Soziale Sicherung
Im Gegensatz zur Industrie machen die Lohnkosten in manchen Handwerksbetrieben bis zu 80 Prozent der Gesamtkosten aus. Starke Steigerungen der Lohnzusatzkosten schlagen besonders heftig zu Buche und drohen, Arbeit unattraktiv zu machen. Die gesamten Lohnnebenkosten müssen deshalb wieder dauerhaft unter die Marke von 40 Prozent gesenkt werden, damit sich Arbeit wieder lohnt, und personalintensive Produkte und Leistungen bezahlbar bleiben. Wir brauchen mutige Reformen bei der Finanzierung der Sozialversicherungssysteme. Es ist im Interesse der Gesellschaft, dass Sozialsysteme auch in Zukunft finanzierbar bleiben.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit bleibt ein zentrales Ziel der Europäischen Union, wird jedoch zunehmend im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit betrachtet. Die EU-Kommission hat ihren Schwerpunkt zuletzt stärker auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit verlagert und verbindet Klima- und Umweltziele enger mit Wachstum, Innovation und Resilienz. Für Unternehmen bedeutet das: Nachhaltiges Handeln soll nicht nur ökologisch wirksam sein, sondern zugleich praktikabel bleiben und die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen und globalen Umfeld sichern.
Energiepolitik
Das Handwerk ist der Schlüssel zur Umsetzung von Energiewende und Klimaschutz. Handwerkerinnen und Handwerker machen Gebäude energieeffizient, installieren erneuerbare Technologien und tragen täglich entscheidend dazu bei, die ambitionierten Klimaziele direkt vor Ort und mit praxisfähigen Lösungen umzusetzen. Die Investition in Berufsbildungsstätten zur Qualifizierung und Weiterbildung ist daher nicht nur ein Anliegen des Handwerks, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Gleichzeitig müssen regionale Handwerksorganisationen von Anfang an in die kommunale Wärmeplanung eingebunden werden, denn sie verfügen über die notwendige praktische Expertise für eine effiziente, klimafreundliche und technologieoffene Wärmeversorgung.
Weitere Informationen finden Sie in den Leitlinien zum Meistern der Energiewende des ZDH.
Statistiken und Dokumentationen
Über unsere politische Arbeit
Wir machen uns in Politik und Öffentlichkeit für die Interessen des Handwerks stark. Denn wir kennen die Menschen und die Betriebe, wissen um ihre Problemen und die Chancen in derRegion Stuttgart. Deshalb können wir richtig und schnell reagieren. Das hilft nicht nur dem einzelnen Betrieb, sondern dem Handwerk insgesamt, seine Rolle als eigenständiger Wirtschaftszweig auch in Zukunft zu bewahren.
Damit sorgen wir für die Freiräume, die Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen.
Unser Ziel ist es, politische Positionen zu entwickeln und nach außen zu tragen. Dafür verfolgen wir aktuelle politische Debatten und bewerten sie in ihren Auswirkungen auf das Handwerk und die Kammer und entwickeln Standpunkte zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundsatzfragen mit Bezug zum Handwerk.
Im Schulterschluss mit anderen wichtigen gesellschaftlichen Akteuren setzen wir uns in Gremien wie derFachkräfteallianz Region Stuttgart dafür ein, politische Weichenstellungen so zu setzen, dass die Region Stuttgart auch zukünftig ein leistungsstarker Wirtschaftsraum ist.
Wir engagieren uns nicht nur regional, sondern auf allen politischen Ebenen für das Handwerk:
- Kommunen: Wir kümmern uns darum, dass einzelne Kommunen die Gewerbesteuer nicht zu weit in die Höhe schießen lassen.
- Region: Wir weisen bei der Flächen- und Verkehrsplanung darauf hin, wie sehr das Handwerk auf eine gute Infrastruktur und Gewerbeflächen angewiesen ist.
- Land: Wir machen deutlich, wie gut oder schlecht die Bildungspolitik die Interessen des Mittelstands und die Förderung der Dualen Ausbildung berücksichtigt.
- Bund: Wir sensibiliseren den Bund dafür, seine Sozialgesetzgebung mit allen gesellschaftlichen Gruppen abzustimmen – also auch mit dem Handwerk.
- EU: Wir kämpfen für den deutschen Meisterbrief und erklären immer wieder dessen Sonderstellung.