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Ehrenamt, Teil 6: Azubi-Begleiter

Was wäre das Handwerk ohne Ehrenamt? In Teil 6 stellen wir Hans-Dieter Mechler vor, der als Azubi-Begleiter tätig ist.

"Ein Ausbildungsabbruch ist für mich unerträglich"

Hans-Dieter Mechler engagiert sich dafür, Jugendliche vor dem Abbruch ihrer Ausbildung zu bewahren. Der ehemalige Versicherungsexperte hat dabei viel mit Azubis im Handwerk, aber auch mit Handwerkern im Ruhestand zu tun und sagt in unserem Interview: "Jeder Abbruch ist einer zu viel – neue Begleiter brauchen wir immer!"

Was genau tun Sie ehrenamtlich, Herr Mechler?

Ich betreue für den Senior Experten Service (SES) die Initiative VerA – Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen, und versuche, sie in der Region Stuttgart bekannt zu machen. Das heißt ich besuche Berufsschulen, Verbände, Arbeitsagenturen, Innungen, Ministerien, treffe mich mit der Presse und erzähle Ihnen von unserem Programm, in dem Senioren Azubis begleiten. Außerdem koordiniere ich unsere rund 200 ehrenamtlichen Begleiter mit den Anfragen der Jugendlichen.

Wie kamen Sie dazu?

Nach über 50 Berufsjahren als Direktor bei einer Versicherung, in denen ich immer Wert auf gute Ausbildung gelegt hatte, habe ich bei meiner Verabschiedung in den Ruhestand wohl erwähnt, dass ich noch etwas Sinnvolles machen wolle. Der Präsident der Handwerkskammer, Rainer Reichhold, und der damalige Hauptgeschäftsführer Claus Munkwitz baten mich 2010, mich um ein großes Problem im Handwerk zu kümmern: in manchen Berufen brechen über 50 Prozent der Azubis ihre Lehre ab, hier sollte etwas geschehen.

Brauchen Sie keinen "Ruhe"-Stand?

Natürlich hat man viele Ideen, die man im Rentenalter verwirklichen will. Aber dann kam VerA und alles wurde anders.

Warum engagieren Sie sich überhaupt?

Es ist für mich unerträglich, wenn junge Menschen den ersten Schritt ins Berufsleben mit einer Niederlage beginnen. Oft sogar wegen wirklicher Bagatellen.

Wie sieht eine typische Woche bei Ihnen aus?

Ich mache einfach, was zu tun ist. Ich bin viel unterwegs, halte Vorträge in Berufsschulklassen und bei Verbänden. Anfragen bearbeite ich vom Computer aus und kommuniziere viel mit den Begleitern, um Probleme mit den Jugendlichen zu erörtern und Lösungen zu besprechen.

Wie hat Ihr Engagement Sie persönlich verändert?

Ich spreche oft mit meiner Frau: Was wäre passiert, wenn ich in jungen Jahren nicht Menschen um mich gehabt hätte, die mir geholfen, mich gefördert und motiviert haben. Wir haben jung geheiratet und hätten sicher Gründe gehabt, die Lehre abzubrechen, um sofort mehr Geld zu verdienen. Stattdessen war die Ausbildung die Basis einer erfolgreichen Karriere. Das ist mir jetzt noch klarer.

 Was ist der "Senior Experten Service"?

Vom Expertenwissen des SES profitieren im In- und Ausland vor allem kleine und mittlere Unternehmen, öffentliche Verwaltungen, Kammern und Wirtschaftsverbände, soziale und medizinische Einrichtungen und Institutionen der Grund- und Berufsbildung. Einen besonderen Schwerpunkt in Deutschland bildet die Förderung junger Menschen in Schule und Ausbildung. Alle SES-Einsätze folgen dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Ihr Ziel ist der Wissens- und Erfahrungstransfer zur Verbesserung der Zukunftsperspektiven anderer.

Seinen Expertinnen und Experten ermöglicht der SES bereichernde Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen und Kulturen, die nicht selbstverständlich sind – Erfahrungen, die in unserer Gesellschaft weiterwirken.

 zum Senior Experten Service

Warum sollten sich auch andere Senioren engagieren?

Der Erfolg spricht für uns. Es ist geradezu erstaunlich, wie gut unsere Begleitung ankommt: Die Lebenserfahrung und das Wissen, ja auch die Geduld unserer Begleiter ist ein hohes Gut. Wir begleiten auf Wunsch anonym, die Eltern oder der Betrieb werden nicht einbezogen, wenn der Jugendliche das nicht will. Er kann mit dem Begleiter ohne Hemmungen über seine Lage und Ängste reden. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen. Aber wir brauchen natürlich auch die nötigen personellen Kapazitäten. Allein in der Region Stuttgart haben wir vor Kurzem die 730. Begleiteranforderung erhalten. Das heißt, die Nachfrage nach dem Projekt ist immens und wir sind über jede Unterstützung froh.

Was muss für das Ehrenamt zurückstecken?

Genau betrachtet nichts. Es verschiebt sich nur die Rangordnung des Alltags. Termine sind dann vorrangig, aber alles andere lässt sich ebenso intensiv erleben: Sport, Besuche, Lesen und so weiter. Ich kann es nur empfehlen und neue Mentoren brauchen wir immer!

 Sie wollen selbst aktiv werden?

Ehrenamtliches Engagement ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Handwerksorganisationen, denn hier bringen Praktiker ihre Erfahrungen mit ein. Von ihren individuellen Stärken und Zielen profitieren neben allen Beschäftigten des Handwerks auch die gesamte Wirtschaft sowie der Staat und die Gesellschaft.

Viele Handwerkerinnen und Handwerker engagieren sich ehrenamtlich - zum Beispiel in unseren Gremien, in Prüfungausschüssen oder den Innungen und Kreishandwerkerschaften. Wenn auch Sie ein Ehrenamt übernehmen möchten, finden Sie auf unserer Sonderseite den passenden Ansprechpartner:

Ehrenamt übernehmen

 
Matthias-Deckert

Matthias Deckert

Ausbildungsbegleiter

Holderäckerstraße 37
70499 Stuttgart